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| wenn es zu spät ist (2005) |
es gibt diese augenblicke, die tragen einen namen es gibt augenblicke mit dem namen jetzt und es gibt augenblicke mit dem namen jetzt nicht daneben gibt es eine reihe anderer augenblicke augenblicke, die warum denn nicht oder na ja ich weiß nicht heißen die wichtigste weil häufigste gattung aber sind die augenblicke, wenn es zu spät ist sie treffen wir mehrere male pro woche, wenn es unglücklich läuft, mehrere male am tag, und sie sind es, an die wir uns am längsten erinnern es gibt abonnements auf diese augenblicke und es gibt dichter, die nichts anderes besingen als sie wir treffen diese augenblicke sehr häufig in situationen, in denen wir mutlos sind, weil wir leiden, über etwas nachdenken, jemanden noch nicht verwunden haben wir treffen sie, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen und wenn es uns am meisten schmerzen wird augenblicke, in denen es zu spät ist, folgen augenblicken froherer natur, augenblicken, da alles möglich scheint, da alles in unserer hand, in unserer vorstellung liegt es sind augenblicke, da wir uns selbst am liebsten mögen eben darum schneiden sich die augenblicke, da es zu spät ist, am tiefsten in unser fleisch, weil sie die ganze fallhöhe unserer existenz enthalten, vom dasein als herr der situation zum dasein als sklave der zeit in jedem augenblick, in dem etwas zu spät ist, stirbt ein teil in uns, fällt ganz spürbar in sich zusammen, nicht wie der schaum eines latte macciato, eher wie die kuppel der frauenkirche von dresden, unvermittelt, ohne möglichkeit, sich mit den folgen zu arrangierenund der schutt dieser zerstörung ist es, der uns das atmen so schwer macht, wenn es zu spät ist ola und claas kennen sich nicht das heißt sie ahnen sich schon, aber niemand hat ihnen gesagt, wann es so weit sein würde, daß sie aufeinanderträfen man hat sie mit büchern und filmen darauf vorbereitet, daß es irgendwann so weit sein würde, und daß es dann folgenlos und ohne interesse wäre, ob sie bereit wären oder nicht, ob sie frei wären oder gebunden, ob sie joblos, erfolgreich, depressiv oder dynamisch wären ola und claas rechneten nicht mehr damit, sich zu begegnen, doch sie träumten davon, und sie hofften, wenn sie ganz alleine waren, des öfteren darauf beide hätten den verdacht weit von sich gewiesen, hätten lautstark protestiert, wenn man sie mit der wahrheit ihrer hoffnung konfrontiert hätte aber ihre freunde waren weniger an der wahrheit interessiert als an ihrer zeit und so gingen sie tanzen und kegeln und kinoschauen, und ihre hoffnung war die ganze zeit dabei die hoffnung war es auch, die jedes tanzen, jedes kegeln, jedes kinoschaun, war es einmal vorbei und die freunde daheim, ein wenig nach belegner zunge schmecken ließ ola und claas sind moderne menschen sie lesen keinen hölderlin, eher die newsweek und den spiegel, feilen ihre herzen nicht bei klaviermusik, sondern mit nena und robbie williams sie haben es versucht mit der romantik, aber alles, wozu das führte, waren blutergüsse am herzen und der plötzliche wunsch, wieder alleine zu sein claas geht schwimmen, wenn er allein sein will, denn das wasser, in dem er treibt, scheint ihm geeigneterer zu sein als schutz gegen die menschen als die luft, die ihn umgibt ola ist selten allein ist sie es, so weil sie in der badewanne liegt, doch auch hierhin reicht das kabellose telefon, genauso wie ins auto und ans bett claas und ola kennen sich nicht, doch sie ahnen sich schon, als sie getrennt diese vernissage besuchen, dessen künstler claas kennt und den ola bewundert sie stehen nebeneinander, sektglas an sektglas, und es ist nicht klar, ob es das bild ist, das sie reizt, oder die nähe des anderen, den sie noch nicht einmal wahrgenommen haben käme in diesem augenblick die freundin von ola dazu, die sie begleitet hat, ola drehte sich um und wäre verschwunden, irgendwo zwischen häppchen und gesprächen, und ihr augenblick wäre niemals ins leben getreten doch es ist der künstler, der zu ihnen tritt, der hallo claas sagt, und sich ihnen gegenüberstellt mit dem satz, störe ich euch claas und ola rühren sich nicht, als ihre blicke das erste mal aufeinander treffen, sie schmunzeln kurz und keiner wagt es, die wahrheit, die eine lüge wäre, auszusprechen, wir gehören nicht zusammen beide sehen auf den künstler und claas ist es, der ihn fragt, wie geht es dir ein gespräch entsteht claas und ola beginnen den parcour, der sie zusammenhält wie ein paar, das das ende seiner liebe nicht gestehen will doch die blicke, die sie wechseln, sind zu jung für lügen, sie überzeugen ohne zutun den künstler und stimmen ihn fröhlich, nicht wie dieses dickicht aus sprache und atem, das die beiden, seinem irrtum zuliebe, fabrizieren er holt noch ein glas, stößt auf sie an, auf uns, ruft er, auf die kunst und die liebe, bevor sie trinken, zu dritt, zu zweit, die blicke über dem glasrand des anderen, irgendwo zwischen verlegenheit und lust ola und claas kennen sich nicht, als sie plötzlich wieder allein sind, denn der künstler hat noch viele gläser zu holen und zu stoßen sie lachen und sie trinken noch einen schluck, um diese dumme feigheit zu überwinden, die jedem echten augenblick im wege steht claas holt aus zu einem satz, der ihre blicke nicht mehr lügen straft, sie nippt daran und plötzlich spürt sie einen arm, der sich um ihre hüfte legt kommst du, sagt die freundin, die sie begleitet hat, ich muß dir jemanden vorstellen ola nickt, sie fährt sich durchs haar ein bißchen wie erwachen ist es, als sie diesem mann am anderen ende des blicks lebewohl sagt und, irgendwo zwischen häppchen und gesprächen, in einem augenblick, da es zu spät ist, versinkt |
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