nicolasflessa
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wenn es zu spät ist
(2005)
es gibt diese augenblicke, die tragen einen namen
es gibt augenblicke mit dem namen jetzt und es gibt augenblicke mit dem namen jetzt nicht
daneben gibt es eine reihe anderer augenblicke
augenblicke, die warum denn nicht oder na ja ich weiß nicht heißen
die wichtigste weil häufigste gattung aber sind die augenblicke, wenn es zu spät ist
sie treffen wir mehrere male pro woche, wenn es unglücklich läuft, mehrere male am tag, und sie
sind es, an die wir uns am längsten erinnern
es gibt abonnements auf diese augenblicke und es gibt dichter, die nichts anderes besingen
als sie
wir treffen diese augenblicke sehr häufig in situationen, in denen wir mutlos sind, weil wir leiden,
über etwas nachdenken, jemanden noch nicht verwunden haben
wir treffen sie, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen und wenn es uns am meisten
schmerzen wird
augenblicke, in denen es zu spät ist, folgen augenblicken froherer natur, augenblicken, da alles
möglich scheint, da alles in unserer hand, in unserer vorstellung liegt
es sind augenblicke, da wir uns selbst am liebsten mögen
eben darum schneiden sich die augenblicke, da es zu spät ist, am tiefsten in unser fleisch, weil
sie die ganze fallhöhe unserer existenz enthalten, vom dasein als herr der situation zum dasein
als sklave der zeit
in jedem augenblick, in dem etwas zu spät ist, stirbt ein teil in uns, fällt ganz spürbar in sich
zusammen, nicht wie der schaum eines latte macciato, eher wie die kuppel der frauenkirche von
dresden, unvermittelt, ohne möglichkeit, sich mit den folgen zu arrangierenund der schutt dieser
zerstörung ist es, der uns das atmen so schwer macht, wenn es zu spät ist

ola und claas kennen sich nicht
das heißt sie ahnen sich schon, aber niemand hat ihnen gesagt, wann es so weit sein würde,
daß sie aufeinanderträfen
man hat sie mit büchern und filmen darauf vorbereitet, daß es irgendwann so weit sein würde,
und daß es dann folgenlos und ohne interesse wäre, ob sie bereit wären oder nicht, ob sie
frei wären oder gebunden, ob sie joblos, erfolgreich, depressiv oder dynamisch wären
ola und claas rechneten nicht mehr damit, sich zu begegnen, doch sie träumten davon, und sie
hofften, wenn sie ganz alleine waren, des öfteren darauf
beide hätten den verdacht weit von sich gewiesen, hätten lautstark protestiert, wenn man sie mit
der wahrheit ihrer hoffnung konfrontiert hätte
aber ihre freunde waren weniger an der wahrheit interessiert als an ihrer zeit
und so gingen sie tanzen und kegeln und kinoschauen, und ihre hoffnung war die
ganze zeit dabei
die hoffnung war es auch, die jedes tanzen, jedes kegeln, jedes kinoschaun, war es einmal
vorbei und die freunde daheim, ein wenig nach belegner zunge schmecken ließ
ola und claas sind moderne menschen
sie lesen keinen hölderlin, eher die newsweek und den spiegel, feilen ihre herzen nicht bei
klaviermusik, sondern mit nena und robbie williams
sie haben es versucht mit der romantik, aber alles, wozu das führte, waren blutergüsse am
herzen und der plötzliche wunsch, wieder alleine zu sein
claas geht schwimmen, wenn er allein sein will, denn das wasser, in dem er treibt, scheint ihm
geeigneterer zu sein als schutz gegen die menschen als die luft, die ihn umgibt
ola ist selten allein
ist sie es, so weil sie in der badewanne liegt, doch auch hierhin reicht das kabellose telefon,
genauso wie ins auto und ans bett

claas und ola kennen sich nicht, doch sie ahnen sich schon, als sie getrennt diese vernissage
besuchen, dessen künstler claas kennt und den ola bewundert
sie stehen nebeneinander, sektglas an sektglas, und es ist nicht klar, ob es das bild ist, das sie
reizt, oder die nähe des anderen, den sie noch nicht einmal wahrgenommen haben
käme in diesem augenblick die freundin von ola dazu, die sie begleitet hat, ola drehte sich um
und wäre verschwunden, irgendwo zwischen häppchen und gesprächen, und ihr augenblick wäre
niemals ins leben getreten
doch es ist der künstler, der zu ihnen tritt, der hallo claas sagt, und sich ihnen gegenüberstellt
mit dem satz, störe ich euch
claas und ola rühren sich nicht, als ihre blicke das erste mal aufeinander treffen, sie schmunzeln
kurz und keiner wagt es, die wahrheit, die eine lüge wäre, auszusprechen, wir gehören
nicht zusammen
beide sehen auf den künstler und claas ist es, der ihn fragt, wie geht es dir
ein gespräch entsteht
claas und ola beginnen den parcour, der sie zusammenhält wie ein paar, das das ende seiner
liebe nicht gestehen will
doch die blicke, die sie wechseln, sind zu jung für lügen, sie überzeugen ohne zutun den
künstler und stimmen ihn fröhlich, nicht wie dieses dickicht aus sprache und atem, das die
beiden, seinem irrtum zuliebe, fabrizieren
er holt noch ein glas, stößt auf sie an, auf uns, ruft er, auf die kunst und die liebe, bevor sie
trinken, zu dritt, zu zweit, die blicke über dem glasrand des anderen, irgendwo zwischen
verlegenheit und lust
ola und claas kennen sich nicht, als sie plötzlich wieder allein sind, denn der künstler hat noch
viele gläser zu holen und zu stoßen
sie lachen und sie trinken noch einen schluck, um diese dumme feigheit zu überwinden, die
jedem echten augenblick im wege steht
claas holt aus zu einem satz, der ihre blicke nicht mehr lügen straft, sie nippt daran und plötzlich
spürt sie einen arm, der sich um ihre hüfte legt
kommst du, sagt die freundin, die sie begleitet hat, ich muß dir jemanden vorstellen
ola nickt, sie fährt sich durchs haar
ein bißchen wie erwachen ist es, als sie diesem mann am anderen ende des blicks lebewohl
sagt und, irgendwo zwischen häppchen und gesprächen, in einem augenblick, da es zu spät
ist, versinkt