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| Sprödes Mädchen Kairo (2002) |
Der erste Tag. Ein Hindernis, gefolgt von einem anderen. Kairo breitet sich aus vor mir wie ein sprödes Mädchen. Es legt sich mir zu Füßen und kratzt mir die Haut auf, während ich es liebe. Sein Atem ist von einer ohnmächtigen Hitze. Ich habe diese Hitze nicht gekannt. Ich habe über sie gesprochen, scherzhaft, habe Smalltalk betrieben mit ihr. Ich werde mich zur Erfrischung über den Eismann hermachen, habe ich gelacht. Vielleicht wird es auch kühler, in der Nacht. Und jeder weiß, was nächtens in Kairo geschieht. Erst, als ich unter die breiten Fluten dieser Sonne getreten bin, habe ich mich zurecht gefunden. Kairo. Sprödes Mädchen. Ich liebe Dich. Am Flughafen noch: eine undenkbare Situation. Ich buhle um ein Taxi, ziehe mein Gepäck wie eine Sträflingskugel über den gierigen Asphalt. La! brüllt ein Mann im Vorbeifahren. Ein anderer schenkt mir keine Beachtung. Ich lache. So etwas habe ich in Kairo noch nicht erlebt. Ich setze mich an den Straßenrand und versuche, mich für den Augenblick unter dem Schatten meiner Hand zu verbergen. Ein Mann, der sich auf der anderen Straßenseite befindet, sieht mich an. Kommen Sie, you’re from Germany? Ich steige in seinen Wagen, der der Shuttlebus eines großen Hotels ist. Er ist leer. Eine ägyptische Idee, verstehe ich. Was er jetzt von mir bekommt, nimmt er als Bakschisch entgegen. Alleine fahren macht keinen Spaß, und warum Geld ablehnen, das sich von allein verdient? Auf dem Weg in die Stadt sehe ich Betonwüsten, die sich von Zeit zu Zeit mit Betonoasen vermengen. Das Militär versteht sich auf Repräsentation. Das Volk begnügt sich mit Wäscheleinen. Der Stau, ägyptisch. Man blickt von Wagen zu Wagen, spricht sich an. Ich sehe in die Augen eines Mädchens, das sich entblößt mit ihrem Blick. Unter dem Schleier steckt eine selbstbewußte Frau. Freunde überholen, sie schaffen aus dem Nichts eine dritte Spur. Das Gesetz hat in der bleiernen Schwüle dieser Tage längst seine Gültigkeit verloren. Was zählt, ist die Geschwindigkeit, dem Stillstand zu entgehen. Abends, am Nil. Abends, wenn sich Kairo selbst in einem großes Fest verschenkt. Überall wird jetzt getanzt. Es ist Hochzeit in der Stadt. Ich blicke durch einen Gitterzaun auf eine Bühne neben dem Wasser. Eine Handvoll Gäste umringt das tanzende Paar. Es wird gefilmt. Der Mann mit der Galabeya hält auch die Sony in der Hand. Klatschen. Das natürlichste Geräusch dieser Nächte. Ich ertappe mich, wie ich zu pfeifen beginne. Der Zaungast neben mir schenkt mir ein flüchtiges Lächeln. Ich bin daheim. Es ist, als wäre ich die drei Monate meiner Abwesenheit nur kurz auf Urlaub gewesen. Zweitens Ich schreibe: Erinnerst Du Dich an den Tag, an dem ich Dich verlassen habe? Du hast mich nicht verstanden. Du hast nichts verstanden an diesem Tag, ich mußte Dich verlassen, Du hast Dich aufgerieben für mich. Statt dessen hast Du geschrien: Was habe ich Dir getan? Wie sollte ich Dir erklären, daß eben dieser Satz der Grund für unsere Trennung war? Weil Du niemals etwas tatest, das mein Herz berührte, das mir etwas tat, nur um zu spüren, daß ich Dich noch liebte. Ich war ich Dein Leben getreten wie ein Komet am nachtgefärbten Himmel. Du warst aufgestiegen zu mir, ich hatte Dich beinahe übersehen. Dein Staunen, Dein alles ver- schlingendes Wissen um unsere Liebe hat mich mitgerissen, hat mich aus der Bahn, von der Erde gerissen. Und kannst Du mir glauben, daß ich damals sicher war, Dich zu lieben, nur weil Du es warst und ich Dir so bedingungslos vertraute? Ich habe dem Brechen Deines Herzens nicht länger folgen können, und so mußte ich Dich verlassen. Kein Tag länger wäre es mir gelungen, Dich leiden zu sehen, sei es in Wahrheit oder sei es, weil ich wußte, was Dir verborgen war. Ich bin gegangen. Wundere Dich nicht, Du wirst mich nicht finden. Drittens Der Blick in Ägypten ist kein gewöhnlicher Blick. Unbeschreibliches, Unverdauliches tun sie mit ihren Augen. Es ist kein Wunder, daß es in diesem Land noch den Mythos vom Bösen Blick gibt. Er trifft Dich stets unvorbereitet. Es ist, als siehst Du bei jedem Auge das erste Mal hin, es ist, als gäbe es keine Bekanntschaft, keine Kenntnis von dem, was Dich erwartet. Ich bin oft über die Straßen und Basare dieser Stadt gelaufen, und ich habe nie denselben Blick ein zweites Mal gesehen. Viertens Gestern war ich wieder unterwegs. Ich wollte der drückenden Schwüle dieser Gassen entgehen und floh an den Nil, der sich etliche Ruderstöße breit zwischen den staubigen Hälften der Stadt einen Weg ins Mittelmeer bahnt. Ich ging zu den Feluken, den kleinen Segelbooten, die auf die Reisenden wartend in ihren buntgekachelten Molen schaukeln. Zu meinen Füßen schwammen die Ägypter um die Wette. Teils, um den Zustand der Boote zu überprüfen, teils, um der Sonne für ein paar Augenblicke zu entfliehen. Sie winkten, als sie mich sahen. You’re welcome! Achlan bik, antwortete ich. Erst folgte Schweigen, dann wuchs das Lachen über ihr Gesicht hinaus. Come swimming. It’s cool. Fünftens Später am Tag saß ich wieder am Nil. Es war Nachmittag, die Möwen hatten sich bereits verzogen, niemand hoffte mehr auf etwas wie Schatten oder Fisch. Trotz ihres niedrigeren Winkels hatte die Sonne nichts von ihrer Hochmut verloren. Ich starrte in das von Abfällen verunklarte Wasser, als ich hinter mir Stimmen vernahm. Es waren drei oder vier Jungen, vielleicht um die Siebzehn. Sie setzten sich neben mich mit entwaffnender Distanzlosigkeit und begannen ihre Angeln auszupacken. Keiner von ihnen sah es als nötig an, sich abzusondern, einen eigenen Kreis ein paar Meter entfernt von mir zu bilden. Statt dessen war ich von jenem Moment an, da sie sich links und rechts von mir gesetzt hatten, ein unveräußerlicher Teil von ihnen geworden. Als der älteste mit seinen Vorbereitungen fertig war, hielt er mir die Angel hin und nickte mir aufmunternd zu. Sechstens Nun bin ich hier. Nun bin ich hier, zu ihm zu finden. Seiner habhaft zu werden, bevor er verblaßt. Ich halte Ausschau nach ihm, suche ihn auf Straßen, Plätzen und Bäumen. Ganze Tage hält es mich auf den Beinen, seiner Spur zu folgen, sie zu atmen, wenn ich in seiner Nähe nahe daran bin, sie zu verlieren. Er, das ist mein Liebhaber. Das ist mein Mann in dieser Stadt. Ich habe mich auf die Suche gemacht. Falsche Fährten gibt es zuhauf. Der Mann aus Alexandria, der sich durch einen Scherz in mein Leben bringt und wieder verebbt. Der Taxifahrer. Der malende Student im zweiten Geschoß des Museums, dessen Blicke die Stimme ersetzen müssen wegen der Masse seiner Freunde, die ihn umgibt. Ich lache und die Stadt ist mein. Sie ist verloren, verloren mit mir, verloren an mich. |
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