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Wieviel Absicht verträgt der Zufall? (Mai 2011) |
Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man »Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht. Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene, aber grundlegende Behauptung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut, darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.« Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen Wissenschaft und Esoterik bzw. Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissen- schaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem. Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19. Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, das am Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technischmateriellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als Spekulation betrachtet werden. Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden? Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch abschließend seine Ausführungen. Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt haben. Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten Erkenntnisschub zu nutzen. Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise. |
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Die Selbstsucht der Sinnsucher (April 2011) |
Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch. Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum. Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heils- geschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann. Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.« Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist. Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft.Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört. Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«. |
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Bei Hoffnung: Diesseits? (März 2011) |
Das Jenseits und die Politik scheinen zwei Bereiche des menschlichen Lebens zu sein, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Die Erklärung liegt auf der Hand: Politiker bestimmen sehr konkret und spürbar die Rahmenbedingungen unseres alltäglichen Handelns, während sich das Jenseits in etwa so deutlich auf unser Leben auswirkt wie der ideale Partner oder das immerwährende Glück: eine Fata Morgana, die es in der Wüste braucht, um am Ball zu bleiben. Und doch gibt es einen Zusammenhang zwischen Jenseits und Politik, der gar nicht ernst genug genommen werden kann, allein schon aufgrund seiner gesellschaftlichen Folgen: Nur, wer sich vom Leben verraten fühlt, setzt seine Hoffnungen ausschließlich auf ein Leben danach. Diese Haltung hat Tradition: Sie durchzieht die Geschichte der Religionen wie ein roter Faden. Ein berühmtes Beispiel für die Logik der jenseitigen Entlohnung für ein enttäuschendes Dasein im Diesseits stammt aus der Bergpredigt: »Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.« Nicht nur die Bibel, auch der Koran ermuntert seine Leser geradezu zu dieser hoffnungsvollen Haltung: »Dieses Erdenleben ist nur wie ein Schatten, wie ein Schaum. Die Wohnung dort, sie ist das wahre Leben.« Selbst in den hinduistischen Upanischaden finden wir zahlreiche Sätze wie den folgenden: »Finde Freude im Ewigen, indem du das Vergängliche aufgibst!« Die Skepsis bezüglich der »realen« Welt – und damit bezüglich ihrer Gesetze und ihrer Herrscher – scheint neben der Aufforderung zu einem ethischen Leben und zum vorschriftsmäßigen Gottesdienst sogar eines der wichtigsten Elemente einer jeden Religion zu sein. Berühmt geworden ist auch das Jesus-Wort, man könne nicht zwei Herren gleichzeitig dienen, welches vielen frühchristlichen Märtyrern ihren ganz konkreten Weg ins Jenseits erleichtert haben dürfte. Wir ahnen bereits: Das Verhältnis zwischen Politik und Jenseits ist keine Einbahnstraße. Während ein unbefriedigendes Staatsgefüge den Glauben und das Vertrauen in einen jenseitigen Ausgleich geradezu befeuert, wird mit dem Verweis auf das Jenseits nicht selten handfeste Politik gemacht. Der islamistische Terrorismus ist nur das jüngste Beispiel einer langen Reihe von »paradiesisch« motivierten Aktivisten, welche Politik und Jenseits in einen blutigen Zusammenhang zu bringen versuchen. Der wichtigste Verbündete der Hoffnung auf ein Jenseits ist in Wirklichkeit die Hoffnungslosigkeit. Mir wurde dieser Zusammenhang wieder deutlich, als ich im März dieses Jahres das revolutionäre Ägypten besuchte: Als ich meine Sorge äußerte, extrem religiös Konservative könnten die Ereignisse nutzen, um an die Macht zu kommen, entgegnete man mir einhellig: Das Gegenteil sei der Fall. Das Gefühl von Einfluss und Macht, das die Demonstrationen im ganzen Land dem ägyptischen Volk wie eine Jungkur verabreicht haben, schmälere die Attraktivität jenseitiger Versprechen enorm. Die Geschichte scheint der Analyse recht zu geben: Während der Zeit des überaus populären (wie kapitalismuskritischen) Präsidenten Nasser spielte Religion so gut wie keine Rolle im Alltag und in der Politik des Landes. Diese Gedanken erklären vielleicht, weshalb es in unserem aktuellen Diskurs so überaus unpopulär geworden ist, sich über den Zustand nach dem Tod ernsthaft Gedanken zu machen. Lautet doch die Lehre: Wo Hoffnung, da kein Jenseits! Zu dieser aufklärerischen Ablehnung des Spirituellen gesellt sich natürlich auch noch die natürliche Angst des Menschen vor dem Tod. Umso erfreulicher, dass ein Sender wie 3sat Anfang April eine ganze Themenwoche mit dem Titel »Was am Ende zählt« lancierte, inklusive Diskussionsrunden und Dokumentationen über Sterbende, Medien und Jenseitsforscher. Sie machte in nachvollziehbarer Weise deutlich, wie illusionär die Vorstellung ist, ein angenehmes Leben erübrige eine Beschäftigung mit dem Jenseits. Nicht nur der Channeling-Boom innerhalb der Esoterik, auch die wachsende Anzahl von Publikationen über das Sterben und seine Folgen außerhalb religiöser und esoterischer Verlage bestätigt diesen ersten Verdacht. Anders als erwartet ist das Jenseits eben nicht an traditionelle Religionen gekoppelt und damit unabhängig von politisch motivierten Propheten, die von der wirtschaftlichen Misere ihres Landes Gebrauch machen. Weder die Religion noch die Hoffnungslosigkeit, sondern die menschliche Neugier sowie der Wunsch, die geliebten Verstorbenen in guten Händen zu wissen, verhindern eine dauerhafte Jenseitsvergessenheit jeder noch so aufgeklärten Gesellschaft. Der säkulare Staat hat in diesem Zeitalter der »Wiederkehr der Götter« freilich einen unübersehbaren Vorteil: Seine Bürger achten bei Wahlen vor allem auf diesseitige Verbesserungen.Und diese als reine Wahlversprechen zu enttarnen, ist vergleichsweise einfach. |
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Wieviel Absicht verträgt der Zufall? (Februar 2011) |
Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man »Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht. »Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene, aber grundlegende Behauptung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut, darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.« Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen Wissenschaft und Esoterik bzw. Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem. Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19. Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, der am Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technischmateriellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als Spekulation betrachtet werden. Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden? Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch abschließend seine Ausführungen. Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt haben. Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten Erkenntnisschub zu nutzen. Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise. |
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Die Selbstsucht der Sinnsucher (Januar 2011) |
Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben, aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch. Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-, Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen »Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum. Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann. Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.« Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«, während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der Individualist. Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als »Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört. Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.« |
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Ganz meine Meinung! (Dezember 2010) |
Geschmäcker sind verschieden, Meinungen auch. Warum es trotzdem Sinn macht, über Ansichten zu streiten. Kennen Sie das? Sie treffen einen entfernten Bekannten und kommen im Laufe des Gesprächs auf ein Thema zu sprechen, das emotional genug ist, die Meinung Ihres Gegenübers von Ihnen vollständig zu erschüttern. Sie spüren, dass mit jedem weiteren Wort die Gefahr wächst, als Spinner abgestempelt zu werden. Und nun gehen Sie dazu über, ihre intuitive Überzeugung mit Hilfe rationaler Argumente zu verteidigen. Die Augen Ihres Bekannten verengen sich, die Skepsis steht ihm ins Gesicht geschrieben, und doch versuchen Sie es noch immer. Sie spüren: Es ist fast schon zu spät, zu widerrufen und mit einem Scherz oder einem Lächeln aus der Situation herauszukommen. Nun heißt es: am Ball bleiben, Worte auf Worte türmen, sich mit überzeugenden Beispielen gegen den Vorwurf der Leichtgläubigkeit verschanzen: Hier rede ich, ich kann nicht anders. Situationen wie diese sind nur deshalb so unangenehm, weil sie uns als soziales Wesen gegen den Strich gehen: Wir alle wollen schließlich geliebt, wir alle wollen schließlich verstanden werden. Haben Sie einmal darauf geachtet, wie die meisten Gespräche zwischen Bekannten oder Zufallsbegegnungen ablaufen? »Ja genau!«, »Das sehe ich genauso!« Und dann geht es los, das Bestücken der eigenen Genausoigkeit, von ähnlichen Bekannten über ähnliche Erfahrungen bis hin zu ähnlichen Meinungen. Zufrieden gehen wir nach so einem Gespräch auseinander, denn ich habe mein Gegenüber nicht nur verstanden, ich bin auch selbst nicht in Frage gestellt worden. Situationen wie die eingangs geschilderte sind auch deshalb so unangenehm, weil sie uns unsere eigene Widersprüchlichkeit vor Augen führen: Denn wie anders ist es zu erklären, dass wir unsere ureigensten Überzeugungen und Gefühle nicht eindeutig und überzeugend untermauern können? Das Problem steckt nicht im Detail, wie man zunächst meinen könnte. Die Unvereinbarkeit irrationaler und rationaler Impulse durchzieht unsere gesamte Gesellschaft, formt und bestimmt unsere Handlungen, unsere Wirtschaft, unser Sozialsystem. Und dabei ist es ja nicht etwa so, dass Fakten und Meinungen immer klar voneinander zu unterscheiden wären. »Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe,« heißt nicht umsonst ein geflügeltes Wort, das wahlweise Joseph Goebbels oder Winston Churchill in den Mund gelegt wird. Vieles, was uns in Anbetracht unserer eigenen Meinung als völlig eindeutig erscheint, löst sich bei der Betrachtung durch ein anders eingestelltes Gegenüber sogleich in Wohlgefallen auf. Denn das meiste von dem, was wir zu wissen glauben, entlarvt sich letztlich – als Meinung. Für Meinungen, nicht für Fakten können und wollen wir geliebt werden. Niemand bezöge Befriedigung aus der Übereinstimmung in der Frage, dass Milch nach einer gewissen Zeit sauer wird. Meinungen sind es, die uns miteinander verbinden, die uns ein Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit vermitteln. Letztlich sind auch Religionsgemeinschaften, Sportvereine und politische Parteien in ihrem Kern in erster Linie Meinungsgemeinschaften. Nicht nur in der Kirche geht dem Beitritt deshalb ein Glaubensbekenntnis voran. Hier treffe ich auf Gleichgesinnte, hier besteht ein gewisser Schutz vor dem zu Beginn geschilderten Gefühl, allein zu stehen, sich lächerlich zu machen, die eigene Überzeugung im Gegenwind der Argumente wie Eis in der Sonne schmelzen zu sehen. Es wäre unsinnig, sich gegen die Meinung zu erheben als einen Hort der Unwahrheit. Doch es gilt zu beachten, dass ein Leben unter Gleichgesinnten eine gefährliche Nebenwirkung hat: Es hüllt uns in das wohlige Gefühl, die Wahrheit zu kennen, im Streitfall sogar besser als jeder Außenstehende. Insofern ist es zwar unangenehm, aber immer wieder sehr heilsam, sich Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen zu stellen und die eigenen Wahrheiten am Feuer ihrer Skepsis zu schmieden. Nicht nur Politiker und »Wutbürger« haben in den vergangenen Monaten die Erfahrung machen können, dass Verständnis für die Position des Andersgläubigen die eigene Position nicht unbedingt schwächen muss. Sobald wir unsere Lust am Konsens, unsere Angst vor Widersprüchen überwunden haben, wartet hinter der Verwirrung nicht selten ein neues Selbstbewusstsein. Also nicht verzagen, wenn Sie sich in Kürze mal wieder völlig hilflos wähnen, weil Ihnen bei einer Meinungsverschiedenheit die Argumente ausgehen. »Was wirklich zählt, ist Intuition,« meinte schon Rationalitäts-Relativist Albert Einstein. Und der muss es ja schließlich wissen. |
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| »Ich bin frei!« (November 2010) |
Pressefreiheit, Meinungs- und Versammlungsfreiheit: Kaum ein Wort bzw. ein Wert wurde in den vergangenen Jahren häufiger medial und politisch beschworen als die sogenannte »Freiheit«. Wir alle sind gefordert, wenn aus unserem Ideal kein Lippenbekenntnis werden soll. Angesichts der Tatsache, dass Politiker unterschiedlichster Couleur heute allesamt dem selben Kampfbegriff frönen, stellt sich freilich die Frage, was sie im Einzelnen unter »Freiheit« verstehen. Und nicht nur Staatsmänner, auch religiöse Bewegungen führen immer wieder den Begriff der »Befreiung« in ihrem Munde. Was hat es auf sich mit einer Idee, die alle Klassen, Konfessionen und Nationen zu einen scheint – und am Ende doch nur wieder neue Spannungen, Kriege und Verbrechen generiert? Im Falle der »westlichen Welt« scheint es eigentlich ganz einfach. Nicht nur Astrologen machen das Prinzip der »Befreiung« (Entdeckung des Planeten Uranus im Jahr 1781) an den Ereignissen der Französischen Revolution fest: Ein ganzes Volk steht auf und schüttelt die verhasste Obrigkeit ab. Ein spätes Pendant dieser »inneren Befreiungsform« ist der Bürgeraufstand 1989 in der DDR, der ebenfalls zu völlig neuen politischen Verhältnissen geführt hat. Als Prototyp und Beweis für die Möglichkeit einer »äußeren Befreiung« gilt nach wie vor die Niederwerfung Nazi-Deutschlands und die Demokratisierung dieser ihrer Grundrechte amputierten Gesellschaft von Tätern und Überlebenden. Doch nicht erst in Afghanistan und im Irak erwies sich der Vergleich mit diesem Präzedenzfall als ein hinkender: »Befreiung bedeutet noch nicht Freiheit«, titelte die »Zeit« denn auch im Hinblick auf den »Unfug der populären Parallele Irak 2003 und Deutschland 1945«. Doch ist der Einmarsch im Irak, der Einmarsch in Afghanistan überhaupt mit dem Verteidigungskrieg gegen eine expandierende Weltmacht zu vergleichen? Dass die große Politik auch in unseren Breitengraden, nimmt sie das Wort »Freiheit« in den Mund, nur in den seltensten Fällen aus idealistischen Motiven heraus handelt, dürfte spätestens mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten im letzten Jahr klargeworden sein. Köhlers folgenreiche Aufforderung, »doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren« legte bloß offen, was man über die amerikanische Weltpolizei längst munkelte: »Enduring Freedom« hatte neben »politischer Befreiung unterdrückter Gesellschaften« vor allem eine Mission: »andauernd freie Handelswege«. Eine aktuelle Karte der unabhängigen Organisation »Freedom House«, die die Gesellschaften der Welt nach ihren politischen und zivilen Freiheiten beurteilt, attestiert vor allem Asien und der arabischen Welt ein großes Freiheitsdefizit. Abgesehen von Indien, Bhutan und der Mongolei auf der einen und Marokko auf der anderen Seite gelten alle Staaten in diesen Gegenden als »nur teilweise frei« bzw. »unfrei«. Umso schwerer wiegt es, dass sich unsere »freie Welt« daran zu gewöhnen scheint, in Anbetracht der kolportierten Bedrohung durch Mitglieder unfreier Gesellschaften die eigenen Freiheiten immer weiter einzuschränken. Und diese Einschränkung hat nicht nur etwas mit Sicherheitskontrollen und elektronischen Trojanern zu tun. Neulich erzählte mir eine Bekannte, sie habe sich nicht auf den Potsdamer Platz getraut aus Angst, sich länger als nötig in der Nähe einer Menschenmenge aufzuhalten. Meine Frage an sie lautete: Welchen Wert besitzt die Verteidigung unserer freiheitlichen Gesellschaft noch, wenn wir ihr zuliebe so bereitwillig unsere Freiheiten als Bürger zu opfern bereit sind? Angst ist nur dann sinnvoll, wenn sie zur Vermeidung realer Bedrohungsszenarien führt. Eine grundsätzliche Skepsis »seltsam aussehenden oder arabisch sprechenden« Mitbürgern gegenüber (Berlins Innensenator Körting) ist ebenso wenig zielführend für ein erfülltes Leben wie der Versuch, Straßen zu meiden, um nicht überfahren zu werden, oder das Baden zu unterlassen, um nicht zu ertrinken. Wer sich dieser Logik überlässt, geht Gefahr, sich vom Leben aufs Überleben zu verlegen – und damit den Sinn des Ganzen aus den Augen zu verlieren. Als sich der an Leukämie erkränkte Poet Nikos Kazantzakis (»Alexis Sorbas«) eine Inschrift für sein Grab überlegen sollte, entschied er sich für die Sätze: »Ich hoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.« Seither finden sie sich überall in Griechenland auf T-Shirts, Wänden und in Poesiealben wieder. Kazantzakis‘ Freiheitsbegriff ist weder ein politischer noch ein kapitalistischer; es ist im besten Sinne ein philosophischer. Freiheit hat bei ihm nichts mit der Beseitung bestimmter Umstände zu tun, sondern mit der Abwesenheit von Vorurteilen der eigenen Zukunft gegenüber. Der freie Mensch entsteht ihm zufolge nicht erst in einer »freien Gesellschaft«. Er beginnt dort, wo die vorauseilende Bereitschaft endet, sich durch eine bestimmte Erwartungshaltung an die Welt im Voraus in den eigenen Möglichkeiten zu beschneiden. |
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| Kulturfremde Kreise (Oktober 2010) |
Wer mutwillig Angst vor »fremden Kulturkreisen« schürt, platziert sich selbst in reichlich kulturfremden Kreisen. Eines wurde in den Debatten der letzten Monate zum Thema Migration und Integration immer wieder deutlich: Bestimmte Kulturen besitzen allem Anschein nach so etwas wie unabänderliche Wesenszüge, die sich aller Aufklärung und Moderne zum Trotz einfach nicht tot kriegen lassen. Wo immer man ihnen Platz einräumt, suchen sich ihre mittelalterlichen Antworten einen Platz im Rampenlicht zeitgenössischer Fragestellungen. Die Rede ist nicht von Mahmud Ahmadinedschad oder Osama bin Laden. Die Rede ist von der derzeit aufbrandenden »verbalen Reconquista«, in deren Schlagschatten populistisch agierende Spitzenpolitiker den Versuch unternehmen, durch markige Sprüche und kollektive Diskriminierung einen Untergang des Abendlands zu verhindern, den sie zuvor selbst publikumswirksam an die Wand gemalt haben. Dass diese politische Mode keineswegs ein zeitgenössisches Phänomen ist, beweist ein Blick auf die in letzter Zeit so oft beschworene jüdisch-christliche Historie. Betrachten wir das angespannte Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander, so können wir es durchaus mit dem Zwist dreier ungleicher Geschwister vergleichen. Während der älteste Sohn, das Judentum, von Geburt an in handfeste Auseinandersetzungen mit gewaltbereiten Nachbarjungs verwickelt war (Stichwort: Ägypten, Babylon, Rom), erfuhr gerade das Christentum als Sandwich-Kind mit Adoptionshintergrund eine fast klassische Anerkennungsproblematik: Mitten im römischen Reich geboren, galt es bis zu seiner »Verstaatlichung« im 4. Jahrhundert zunächst als jüdische Sekte und dann als Staatsfeind Nummer 1. Der Islam hingegen verlebte wie viele Nesthäkchen zunächst eine fast traumhafte Kindheit: mit rasender Geschwindigkeit eroberte er schon im zarten Alter von wenigen Jahrzehnten mit militärischer Dominanz und religiöser Toleranz einen fast globalen Freundeskreis. Psychologen zufolge besitzten unsere ersten Jahre ja bekanntlich eine enorme Wirkung auf unsere spätere Entwicklung. Ohne den Vergleich von den drei ungleichen Brüdern strapazieren zu wollen, scheint sich auch bei Judentum, Christentum und Islam eine jeweils typische Haltung der religiösen Verwandtschaft gegenüber bereits in frühen Jahren herausgebildet zu haben. Während der Islam ein potentiell entspanntes Verhältnis zu den ihm »schutzbefohlenen« älteren Geschwistern an den Tag legte, galt er den Christen von Anfang an als eine Bewegung, die ihnen den Rang streitig machte – sicherlich neben theologischen Differenzen auch aus der Erfahrung heraus, gerade im ersten Jahrhundert der arabischen Expansion große Teile des eigenen Einflussbereichs an diese junge »Sekte« verloren zu haben. Dieser »anti-muslimische« Reflex des Christentums (den das Judentum übrigens niemals entwickelt hat) ist bis in die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion deutlich spürbar. Wer im »Westen« an die Begegnung von Islam und Europa denkt, dem fallen im historischen Kontext zunächst »die Türken vor Wien« und vielleicht noch der »Fall von Konstantinopel« ein. Muslime besitzen ganz andere Assoziationen: die religiös motivierte Vertreibung des Islam aus Al-Andaluz, einem Hort der religiösen Toleranz und der kulturellen Blüte unter den liberalen Umayyaden, die stetigen christlichen Aggressionen im Rahmen der Kreuzzüge und – nicht zu vergessen – der Kulturimperialismus des Westens im Rahmen der Kolonisation Nordafrikas und der Levante. Die derzeitige Verbalverschanzung Europas hinter christlich-jüdischen Mauern offenbart, dass die gefühlte »Überfremdung« im Prinzip wenig mit Ehrenmorden, totalitäten Mullas und Selbstmordattentätern zu tun hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ehrenmorde, Mullahs und Selbstmordattentate nur deshalb unser Bild vom Islam prägen, weil sie ein viel älteres Vorurteil bedienen, das wir bereits seit Jahrhunderten verinnerlicht haben: der Muslim als kulturfremdes, ja kulturfernes Wesen, dessen »mittelalterliche Zeitrechnung« und »Wüstenethik« nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt. Insofern ist es müßig, stets auf den Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen hinzuweisen, da sich der Deckmantelcharakter dieser Unterscheidung in der aktuellen Debatte von selbst ad absurdum geführt hat. Um auf das Bild der ungleichen Brüder zurückzukommen: Statt uns gegenseitig Entfremdung und Intoleranz vorzuwefen, sollten wir von Zeit zu Zeit einfach mal einen Blick in unser gemeinsame Familienalbum werfen. So »fremd«, wie uns die Feinde des Haussegens auf beiden Seiten immer wieder weismachen wollen, sind wir uns nie gewesen. |
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| Respekt kommt vor Wahrheit (September 2010) |
Im Herbst lud mich eine Freundin dazu ein, mir ein altes, römisches Matronenheiligtum in Nettersheim (Nordrhein-Westfalen) zu zeigen. Sie betonte, dass dies für sie ein ganz besonderer Ort sei, eine Art »spirituelles Wohnzimmer«. Hierhin kam sie nach eigener Aussage, wann immer sie Sorgen drückten oder sie wichtige Entscheidungen zu fällen hatte. Neugierig stimmte ich zu. Das Wetter bei unserem Ausflug war einer Pilgerfahrt angemessen: strahlender Sonnenschein, vereinzelte Wattewolken am Himmel und eine Temperatur, die nach einem durchregneten und – aller globalen Klimaerwärmung zum Trotz – erbärmlich kalten August wunderbar anmutete. Als wir am Fuße der kleinen Straße angekommen waren, die zu dem erhöht gelegenen Heiligtum führte, kam uns eine Prozession gut gelaunter Wanderer entgegen, die eine Weiterfahrt unmöglich machte. Meine Freundin stellte den Motor ab, und wir beobachteten von unserem Auto aus die in kleinen Gruppen herabtröpfelnde Menschenmenge. Einige Männer und Frauen trugen Accessoires, die an einen Historienfilm erinnerten: Togen, Helme und Stäbe. Als wir bei dem kleinen Parkplatz vor dem Heiligtum angekommen waren, sahen wir, wie eine andere Gruppe von einem entgegen gelegenen Weg aus auf der Spitze des Hügels Einzug hielt. Neugierig näherte ich mich dem größtenteils aus älteren Herren und ihren Ehefrauen bestehenden Publikum, das gebannt in Richtung eines nicht viel jüngeren Mannes in sportlicher Wanderkleidung blickte. Wie den Sprachfetzen zu entnehmen war, handelte es sich um eine Reisegruppe, die sich das Heiligtum aus kunsthistorischem Interesse heraus ansehen wollte. Der einzelne, der Gruppe gegenüberstehende Mann war augenscheinlich ein pensionierter Archäologe, der einst die Grabungen vor Ort geleitet hatte. Freudig setzte ich mich in Hörnähe, während meine Freundin, die mit der Geschichte des Orts wohl vertraut war, in der Umgebung zu wandern begann. Rasch erfuhr ich alles Wissenswerte über diesen mir bis dato unbekannten Ort: die Theorie eines frühen Baumkults an dieser Stelle, die Adaption der Stätte durch die einfallenden Römer, die ubische Ikonographie der Matronen, die direkt über den Hügel verlaufende antike Reisestraße und die an den Tempel angeschlossene, eben erst ergrabene Siedlung. Kurz vor dem Ende seiner Ausführungen kam der Archäologe noch auf die Äpfel und Blumen vor den modernen Abgüssen der in diesem Areal gefundenen Denksteine zu sprechen. Mit zynischem Lächeln und großväterlich-akademischem Kopfschütteln berichtete er seiner staunenden Reisegruppe von verrückten Frauen mit langen Röcken und bunten Schals, die hier vor Ort noch immer – oder wieder – Opfer und Gebete verrichteten, in der Meinung, hier einen besonders wirksamen »Kraftort« der alten Religion zu besitzen. Ein Lachen ging durch die Reihen der pensionierten Bildungsbürger, bevor der Führer das Wort an eine junge Frau, die heute vor Ort tätige Archäologin, abgab. Sie dankte ihrem Vorredner, um sich schon bald von seinen letzten Aussagen zu distanzieren: mit den neuen Heiden habe man sich längst arrangiert, es gäbe keinerlei Berührungsängste, so lange aus Naturschutzgründen auf Brandopfer und offenes Feuer verzichtet werde. Mit einem schwer zu unterdrückenden Gefühl der Empörung mache ich mich auf die Suche nach meiner Freundin, die sich etwas abseits unter einen alten Baum gesetzt hatte. In ihren Händen hielt sie zwei Äpfel, die sie den Matronen mitgebracht hatte. Leise setzte ich mich neben sie, um sie bei ihrem Gebet nicht zu stören. Ich beobachte die Reisegruppe, die sich inzwischen in Richtung Tal zu ergießen begann. Ein Schmetterling setzte sich auf meinen Schuh, und ich lächelte über den Kitsch und die Versuchung, mich von der Schönheit der Szenerie über den eben noch verspürten Ärger hinwegtrösten zu lassen. Als er kurz nach den ersten Ausführungen seiner Kollegin noch einmal zu Wort gekommen war, berichtete der Archäologe stolz von der religiösen Toleranz der Römer, die auch hier vor Ort sichtbar werde: statt die alten Kulte zu verdrängen, die eigene Religion zu exportieren, hatten sie überall in ihrem Reich die für den antiken Polytheismus typische Verschmelzung mit den lokalen Traditionen vorgenommen. Religionskriege, so fügte er hinzu, seien auf diese Weise übrigens undenkbar. Als auch der letzte Besucher hinter der Kuppe des Berges verschwunden ist, zieht der Schmetterling wieder weiter. Meine Freundin öffnet die Augen und strahlt mich mit dem für sie typischen Übermut an. »War es interessant?« fragte sie mich. »Sehr!« sagte ich, ohne zu flunkern. »Und? Was gelernt?« setzte sie nach. Ich nickte und dachte an die objektive Respektlosigkeit des alten Wissenschaftlers auf der Suche nach seiner subjektiven Wahrheit. »Eine Menge.« |
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| Sinn ist möglich (August 2010) |
»Bin
71 Jahre und immer noch auf der Suche nach dem Sinn meines
Lebens.« In einer Kontaktanzeige stieß ich auf diesen Satz, der mich nicht mehr losgelassen hat. Warum, kann ich – wie bei allem, das berührt – nicht wirklich erklären. Ob es die Ehrlichkeit war, mit der die Schreiberin zugab, trotz aller Lebenserfahrung nicht wirklich »klüger« geworden zu sein? Oder die Strahlkraft ihrer ungetrübten, beinahe kindlichen Neugier? Oder war es die Tatsache an sich, dass weder Neugier noch Aufgeschlossenheit garantieren, dass wir irgendwann, sei es »später«, sei es »im Alter«, auch wirklich dahinter kommen, worum es sich bei unserem Tun und Treiben eigentlich gehandelt hat? »Dass der Mensch in seiner Jugend das Ziel so nahe glaubt,« las ich einst voller Entzücken und zugleich voller Unverständnis in Hölderlins Hyperion. »Es ist die schönste aller Täuschungen, womit die Natur der Schwachheit unsers Wesens aufhilft.« Sinnhaftigkeit, das ist nach zwei Weltkriegen und Postmoderne zumindest im Westen ein Auslaufmodell. Unmodern, aber ganz und gar nicht überwunden, möchte man im Hinblick auf die explodierende Esoterikbranche meinen. Konservative Kreise werden mit den Fingern zeigen und sagen: Dann doch lieber Christentum, das hat wenigstens Halt gegeben und war nicht nur auf Profit aus. Doch genau diese Pragmatik überzeugt die Sinnsucher reichlich wenig: Hauptsache, der Laden läuft, ist im Hinblick auf eine ehrliche Sehnsucht nach dauerhaften Wahrheiten ein reichlich dünner Fusel; von Zynikern gebraut, die sich – da fraglos – herrlich überlegen fühlen. Mittelalter à la Kreationisten und Al-Qaida oder Relativismus ist denn auch nicht die Gabelung, vor der wir stehen. Zumindest das Diesseits scheint wohlversorgt: Moral und Ethik, einst die Hauptanliegen der Kirche, werden nun vom Staat kontrolliert – und kaum jemand wird bezweifeln, dass dies, trotz aller Missstände, besser als je zuvor geschieht. Beim Ersatz von Predigten und kirchlichen Edikten durch Gesetze und Grundrechte ist nur ein kleiner Fehler unterlaufen, der anfangs gar nicht so ins Gewicht fiel: das Jenseits, einst der Fokus unserer Bemühungen, steht seit der Aufklärung leer. Die Modernen werden jubeln und zurecht darauf verweisen, dass angesichts unseres Justizsystems keine Höllen-Drohungen mehr nötig sind, um Menschen zu disziplinieren. Vergessen wird im grellen Lichte der Säkularisierung jedoch, dass Angst und Hölle nur ein (wenn auch sehr wirksames) Werkzeug, und nicht das Ziel der Religion war: Einem Kollateralschaden vergleichbar kam mit Satan und Papst irgendwann auch der Sinn des Ganzen abhanden. Zurück blieb die bislang größte Chance der Menschheitsgeschichte: ein Volk freier und selbständig denkender Leute, mit Vernunft begabt, mit Instrumenten ungeheuren Wissens ausgestattet und gegen die gröbsten Ungerechtigkeiten geschützt. Ein Volk, das sich – wie Menschen zuvor – nach Liebe sehnt, nach Frieden, Wohlstand und Lust. Und Sinn, höre ich eine 71jährige Frau zaghaft sagen.Nicht der große, der alles erklärende, der gelehrte Grund allen Seins. Nein, was der Schreiberin fehlt, ist der ganz persönliche, der private, der »Sinn meines Lebens«. Fehlt er ihr wirklich – oder ist er ihr nur nicht bewusst? Und welche Chancen hatte sie – haben wir –, ihn in dieser uns eigenen metaphysischen Freiheit aufzuspüren? Der »Sinn« ist – schon allein, weil sein Fehlen, sein Nichtkennen als so leidvoll wie Hunger, Durst oder Krankheit erlebt wird – sicher kein Unsinn, wie man uns manches Mal weismachen will. Sinn ist weder unverzichtbar noch Accessoire einer dekadenten Gesellschaft, deren Grundbedürfnisse befriedigt wurden. Sinn hat mit Rechtfertigung zu tun, mit Absolutheit und ist schon deshalb etwas »Transzendentes«. Die Frage nach der Essenz unseres Lebens ist daher unbedingt ernst zu nehmen. Sie ist weder ein Ersatz für die philosophische Freiheit, die wir uns mühsam erkämpfen mussten, noch ein Zeugnis mangelnder »Modernität«. Sie ist vielmehr ein Hinweis, dass es neben den bekannten Wegen ins Glück noch weitere Straßen zu erkunden gilt. Mit dem Sinn scheint es sich letztlich wie mit der Liebe zu verhalten: Er ist nicht einfach zu finden – aber er ist möglich. |
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| Gefährliche Ideale (Juli 2010) |
Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch Idealismus. Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt, was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will, was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen und der Schöpfung gegenüber. Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich: Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr »realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur Verbesserung desselben? Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet, dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache, dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin, dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit. Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit. So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten? Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen. |
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