nicolasflessa
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Wieviel Absicht verträgt der Zufall?

(Mai 2011)

Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man
»Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt
übersieht.

Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen
Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie
auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene,
aber grundlegende Behauptung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt
vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen
scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von
Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut,
darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.«

Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen
Wissenschaft und Esoterik bzw. Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde
viel von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten,
die wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere
das 1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums.
Man muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissen-
schaftlichen Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es
erst, wenn man sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der
universellen Frage »Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das Erkenntnisproblem.

Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19.
Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer
statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel
ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten
einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers
Theodosius Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.«
Die Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, das am
Besten an seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion
und Mutation geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den
technischmateriellen Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt,
kann getrost als Spekulation betrachtet werden.

Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein Gen gebildet und vererbt wird
– letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang zu beurteilen hat. 2010 befand
der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der große Entwurf«, dass die
Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten Schöpfungsimpuls allein durch das
Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre. Ist »Gott«, ist »Absicht« also
»unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine langsam auf die Spur kommen,
tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu befinden?

Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung
zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits
entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen
Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße
Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile
zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch
abschließend seine Ausführungen.

Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt
meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl
seine Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung
erlangt haben. Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige
historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten
Erkenntnisschub zu nutzen.

Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir
glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise.
 
 
 

Die Selbstsucht der Sinnsucher

(April 2011)

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben,
aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den
vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein
evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der
Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-,
Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer
Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen
»Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem
eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik
auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner
Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und
Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische
(wie moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heils-
geschichte« gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch
Karmagesetze zu ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder
Bestürzung des Autors ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der
Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis
auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem
meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem
Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat
des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn
im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären
oder caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was
nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst
gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«,
während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«.
Wer sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch
integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der
Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft.Obwohl
ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine
gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als
»Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der
karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit
dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort erklärt.
Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden und deren
wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik, beruht sie
doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum bemüht ist,
sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich (r)evolutionären
Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf gegen
Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer
die Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen,
hat den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem
Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins
esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«.
 
 
 

Bei Hoffnung: Diesseits?

(März 2011)

Das Jenseits und die Politik scheinen zwei Bereiche des menschlichen Lebens zu sein, die auf
den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Die Erklärung liegt auf der Hand: Politiker
bestimmen sehr konkret und spürbar die Rahmenbedingungen unseres alltäglichen Handelns,
während sich das Jenseits in etwa so deutlich auf unser Leben auswirkt wie der ideale Partner
oder das immerwährende Glück: eine Fata Morgana, die es in der Wüste braucht, um am Ball zu
bleiben.

Und doch gibt es einen Zusammenhang zwischen Jenseits und Politik, der gar nicht ernst genug
genommen werden kann, allein schon aufgrund seiner gesellschaftlichen Folgen: Nur, wer sich
vom Leben verraten fühlt, setzt seine Hoffnungen ausschließlich auf ein Leben danach.

Diese Haltung hat Tradition: Sie durchzieht die Geschichte der Religionen wie ein roter Faden.
Ein berühmtes Beispiel für die Logik der jenseitigen Entlohnung für ein enttäuschendes Dasein im
Diesseits stammt aus der Bergpredigt: »Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt
werden; denn ihrer ist das Himmelreich.« Nicht nur die Bibel, auch der Koran ermuntert seine
Leser geradezu zu dieser hoffnungsvollen Haltung: »Dieses Erdenleben ist nur wie ein Schatten,
wie ein Schaum. Die Wohnung dort, sie ist das wahre Leben.« Selbst in den hinduistischen
Upanischaden finden wir zahlreiche Sätze wie den folgenden: »Finde Freude im Ewigen, indem
du das Vergängliche aufgibst!« Die Skepsis bezüglich der »realen« Welt – und damit bezüglich
ihrer Gesetze und ihrer Herrscher – scheint neben der Aufforderung zu einem ethischen Leben
und zum vorschriftsmäßigen Gottesdienst sogar eines der wichtigsten Elemente einer jeden
Religion zu sein. Berühmt geworden ist auch das Jesus-Wort, man könne nicht zwei Herren
gleichzeitig dienen, welches vielen frühchristlichen Märtyrern ihren ganz konkreten Weg ins
Jenseits erleichtert haben dürfte.

Wir ahnen bereits: Das Verhältnis zwischen Politik und Jenseits ist keine Einbahnstraße.
Während ein unbefriedigendes Staatsgefüge den Glauben und das Vertrauen in einen jenseitigen
Ausgleich geradezu befeuert, wird mit dem Verweis auf das Jenseits nicht selten handfeste
Politik gemacht. Der islamistische Terrorismus ist nur das jüngste Beispiel einer langen Reihe
von »paradiesisch« motivierten Aktivisten, welche Politik und Jenseits in einen blutigen
Zusammenhang zu bringen versuchen.

Der wichtigste Verbündete der Hoffnung auf ein Jenseits ist in Wirklichkeit die Hoffnungslosigkeit.
Mir wurde dieser Zusammenhang wieder deutlich, als ich im März dieses Jahres das revolutionäre
Ägypten besuchte: Als ich meine Sorge äußerte, extrem religiös Konservative könnten die
Ereignisse nutzen, um an die Macht zu kommen, entgegnete man mir einhellig: Das Gegenteil
sei der Fall. Das Gefühl von Einfluss und Macht, das die Demonstrationen im ganzen Land dem
ägyptischen Volk wie eine Jungkur verabreicht haben, schmälere die Attraktivität jenseitiger
Versprechen enorm. Die Geschichte scheint der Analyse recht zu geben: Während der Zeit
des überaus populären (wie kapitalismuskritischen) Präsidenten Nasser spielte Religion so gut
wie keine Rolle im Alltag und in der Politik des Landes.

Diese Gedanken erklären vielleicht, weshalb es in unserem aktuellen Diskurs so überaus
unpopulär geworden ist, sich über den Zustand nach dem Tod ernsthaft Gedanken zu machen.
Lautet doch die Lehre: Wo Hoffnung, da kein Jenseits! Zu dieser aufklärerischen Ablehnung des
Spirituellen gesellt sich natürlich auch noch die natürliche Angst des Menschen vor dem Tod.
Umso erfreulicher, dass ein Sender wie 3sat Anfang April eine ganze Themenwoche mit dem
Titel »Was am Ende zählt« lancierte, inklusive Diskussionsrunden und Dokumentationen über
Sterbende, Medien und Jenseitsforscher. Sie machte in nachvollziehbarer Weise deutlich, wie
illusionär die Vorstellung ist, ein angenehmes Leben erübrige eine Beschäftigung mit dem
Jenseits. Nicht nur der Channeling-Boom innerhalb der Esoterik, auch die wachsende Anzahl von
Publikationen über das Sterben und seine Folgen außerhalb religiöser und esoterischer Verlage
bestätigt diesen ersten Verdacht.

Anders als erwartet ist das Jenseits eben nicht an traditionelle Religionen gekoppelt und damit
unabhängig von politisch motivierten Propheten, die von der wirtschaftlichen Misere ihres Landes
Gebrauch machen. Weder die Religion noch die Hoffnungslosigkeit, sondern die menschliche
Neugier sowie der Wunsch, die geliebten Verstorbenen in guten Händen zu wissen, verhindern
eine dauerhafte Jenseitsvergessenheit jeder noch so aufgeklärten Gesellschaft. Der säkulare
Staat hat in diesem Zeitalter der »Wiederkehr der Götter« freilich einen unübersehbaren Vorteil:
Seine Bürger achten bei Wahlen vor allem auf diesseitige Verbesserungen.Und diese als reine
Wahlversprechen zu enttarnen, ist vergleichsweise einfach.
 
 
 

Wieviel Absicht verträgt der Zufall?

(Februar 2011)

Nicht nur Moses, auch Darwin war ein Religionsgründer. Unangenehm wird das erst, wenn man
»Gott« durch »Objektivität« ersetzt und dabei ganz sein Schicksal als ewiges Subjekt übersieht.

»Wir sehen, was wir glauben, nicht umgekehrt.« So lautete der Schluss des Anthropologen
Jeremy Narby, nachdem er sich für seine Studien mit den Publikationen der Molekularbiologie
auseinander gesetzt hatte. Grund hierfür ist seiner Meinung nach das Axiom (eine unbewiesene,
aber grundlegende Behauptung) der Zufälligkeit, das – mal explizit formuliert, mal indirekt
vorausgesetzt – sämtliche Theorien der zeitgenössischen Naturwissenschaften zu durchziehen
scheint. Er erläutert: »Das Objektivitätspostulat hindert seine Anhänger daran, irgendeine Art von
Intentionalität (d.h. Absicht) in der Natur zu erkennen, oder anders gesagt: Wer es trotzdem tut,
darf sich nicht mehr Wissenschaftler nennen.«

Narby scheint mir hier auf eine Kernfrage hinzuweisen, welche für die Diskussion zwischen
Wissenschaft und Esoterik bzw. Religion von allergrößter Bedeutung ist. In den Medien wurde viel
von der »Kreationistischen Bewegung« in den USA berichtet, die die Auffassung vertreten, die
wörtliche Interpretation der Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen (insbesondere das
1. Buch Mose) beschreibe die tatsächliche Entstehung des Lebens wie des Universums. Man
muss kein Atheist sein, um zu erkennen, dass diese Diskussion mit den wissenschaftlichen

Erkenntnissen des 21. Jahrhunderts nicht zu vereinbaren ist. Interessant wird es erst, wenn man
sich von den Polen »Bibel« und »Darwin« löst und sich stattdessen der universellen Frage
»Zufall« oder »Absicht« widmet. Denn: Nicht Gott, sondern der Mensch ist – wie üblich – das
Erkenntnisproblem.

Fassen wir den aktuellen Stand der Forschung (basierend auf Darwins in der Mitte des 19.
Jahrhunders entwickelter Evolutionstheorie) noch einmal kurz zusammen: Evolution findet immer
statt, ist nicht umkehrbar, wirkt auf allen Ebenen von Organismen und ist nicht auf ein Endziel
ausgerichtet. Trotz zahlreicher Detailfragen sind sich alle Biologen in diesen zentralen Punkten
einig – berühmt geworden ist der Ausspruch des russisch-amerikanischen Genetikers Theodosius
Dobzhansky: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.« Die
Vererbungslehre geht ferner davon aus, dass immer jener Artgenosse überlebt, der am Besten an
seine Umwelt angepasst ist – Stichwort: Survival of the fittest. Diese von Selektion und Mutation
geprägte Theorie erklärt (wie viele Naturwissenschaften) vor allem den technischmateriellen

Ablauf der Evolution – was sie darüber hinaus über ihren Sinn aussagt, kann getrost als
Spekulation betrachtet werden. Spekulation insofern, als es – im Gegensatz zu der Frage, wie ein
Gen gebildet und vererbt wird – letztlich eine Glaubensfrage ist, wie man diesen Gesamtvorgang
zu beurteilen hat. 2010 befand der bekannte Physiker Steven Hawkins in seinem Buch »Der
große Entwurf«, dass die Entstehung des Universums auch ohne einen bewussten
Schöpfungsimpuls allein durch das Wirken der physikalischen Gesetze möglich gewesen wäre.
Ist »Gott«, ist »Absicht« also »unnötig« geworden? Haben wir dadurch, dass wir der Maschine
langsam auf die Spur kommen, tatsächlich die Fähigkeit erworben, über ihren Ursprung zu
befinden?

Ich meine: Ja! Und das nicht etwa, weil die Antwort bereits feststünde, weil die Entscheidung
zwischen Gott und dem Nichts, dem Zufall und der Absicht in irgendeiner Weise bereits
entschieden wäre. Eine philosophische Diskussion auf der Höhe der Zeit erfordert von allen
Beteiligten neben dem Einsatz ihres kritischen Verstands vor allem zweierlei: eine übergroße
Portion Neugier und echte Unvoreingenommenheit. »Das Problem besteht nicht darin, Vorurteile
zu haben, sondern darin, dass sie nicht offengelegt werden,« ergänzt Narby denn auch
abschließend seine Ausführungen.

Wer aus weltanschaulichen Gründen beweisbare wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt, irrt
meiner Meinung nach ebenso wie jener Wissenschaftler, der sich für »objektiv« hält, obwohl seine
Interpretation der vorliegenden Erkenntnisse längst den Rang einer Weltanschauung erlangt
haben. Es wird Zeit für einen offenen und wertfreien Dialog, wollen wir nicht die einmalige
historische Chance verpassen, unsere geistige und politische Freiheit für einen echten
Erkenntnisschub zu nutzen.

Denn soviel steht fest: Wissen ist niemals ein Selbstzweck. Es verändert uns, egal woran wir
glauben, in einer durch und durch evolutionären Art und Weise.




Die Selbstsucht der Sinnsucher

(Januar 2011)

Engel und Licht, Heilung und Zufriedenheit: die Esoterikszene gilt als verschroben,
aber sanftmütig. Manche jedoch halten sie für schlichtweg egoistisch.

Der Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Grenzgebiete der Wissenschaft« trägt den
vielversprechenden Titel »Gegenwärtige Esoterik«. Der Autor, Jens Schnabel, ist ein
evangelischer Gemeindepfarrer, der im Jahre 2006 über das Thema »Das Menschenbild der
Esoterik« promovierte. Nach einer ausgezeichneten Definition der Esoterik nach ihrem Welt-,
Menschen- und Gottesbild vertieft er sich in vier Kernvorstellungen gegenwärtiger esoterischer
Strömungen: den »spritualistischen Monismus«, den »grenzenlosen Optimismus«, die geistigen
»Gesetze« des Lebens sowie »Reinkarnation und Karma«. Diese Einführungen dienen dem
eigentlichen Kernpunkt des Aufsatzes: den abschließenden Kapiteln »Auswirkungen der Esoterik
auf unsere Gesellschaft« und eine Gegenüberstellung von Esoterik und Christentum.

Warum ich im Rahmen dieser Kolumne auf diesen Artikel zurückgreife, ist nicht die meiner
Meinung nach fragwürdige »Bewertung« der Esoterik auf Basis christlicher Werte und
Gedankenmodelle; hier mögen sich die Geister scheiden, ob es Sinn macht, das esoterische (wie
moderne!) Fortschrittsdenken den theologischen Konzepten »Gnade« und »Heilsgeschichte«
gegenüberzustellen und dem Reinkarnationsgedanken anzulasten, Gott durch Karmagesetze zu
ersetzen. Hier findet meines Erachtens eine religiöse Enttäuschung oder Bestürzung des Autors
ihren Ausdruck, die anders als religiös nicht beantwortet werden kann.

Ich bin Schnabel jedoch für einen Hinweis dankbar, der auch jenseits seiner Einstufung der
Esoterik als ein dem Christentum unterlegenes Weltverständnis zum Denken anregt: der Hinweis
auf die möglichen Konsequenzen des zutiefst individualistischen Ansatzes der Esoterik. Dem
meiner Meinung nach unzutreffenden Schluss, Individualismus führe zwangsläufig zu einem
Verlust bzw. einer Beliebigkeit der ethischen Haltung lässt er ein nachdenklich stimmendes Zitat
des Religions- und Kultursoziologen Gottfried Küenzlen folgen: »So ist es nur konsequent, wenn
im Umkreis der New Age-Bewegung, ja der Esoterik insgesamt, keine sozialen, humanitären oder
caritativen Aktivitäten zu beobachten sind.«

Ist dem wirklich so? Nun ist es ein weit verbreitetes Vorurteil konservativer Kreise, alles, was
nach Freiheit riecht, für grundsätzlich chaotisch und unverantwortlich zu halten. Nicht umsonst
gelten Menschen mit alternativen Lebensmodellen häufig als »Chaoten« oder »Radikale«,
während sie sich selbst als »autonom« bezeichnen, d.h.: sich »das Gesetz selbst gebend«. Wer
sich jedoch als Gesetzgeber versteht, hält sich in der Regel zumindest selbst für moralisch
integer; der wahre Feind der Justiz ist seiner Meinung nach der zügellose Egoist und nicht der
Individualist.

Genau hier sind die Übergänge jedoch nicht selten fließend, auch was Esoteriker betrifft. Obwohl
ich es für ein ausgesprochenes Vorurteil halte, die Esoterik entziehe dem Menschen sein
moralisches Gewissen, ist doch bei vielen »spirituell Suchenden« der Gegenwart tatsächlich eine
gewisse Egozentrik beobachtbar. Die eigene Umwelt wird in solchen Fällen nicht selten als
»Hindernis auf dem Weg zur eigenen Weiterentwicklung« gesehen, und vor dem Hintergrund der
karmischen Lehre wird die soziale und gesundheitliche Schieflage Afrikas gerne auch mal mit
dem Verweis auf einen »Kampfplatz junger Seelen« aus dem schlechten Gewissen hinfort
erklärt. Diese und andere »egoistische«, ja herzlose Lesarten der Welt, in der wir uns befinden
und deren wirkender Bestandteil wir sind, geht jedoch schwerlich auf das Konto der Esoterik,
beruht sie doch auf der Missachtung ihrer fundamentalen Glaubenssätze. Wer ernsthaft darum
bemüht ist, sich weiterzuentwickeln, hat sicher schon einmal etwas von dem wahrlich
(r)evolutionären Konzept der Anteilnahme und dem karmisch absolut bedenkenlosen Kampf
gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gehört.

Pointiert ausgedrückt: Die soziale Kälte ist der Kreuzzug und die Inquisition der Esoterik. Wer die
Sorge um das eigene Seelenheil zum Anlass nimmt, menschliches Leid in Kauf zu nehmen, hat
den Kern der Religion wie der esoterischen Spiritualität nicht verstanden. »Was ihr dem
Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,« wird Jesus in der Bibel zitiert. Ins
esoterische Weltbild übersetzt mag man ergänzen: »Und das hast Du auch Dir selbst getan.«



Ganz meine Meinung!

(Dezember 2010)

Geschmäcker sind verschieden, Meinungen auch. Warum es trotzdem Sinn macht, über
Ansichten zu streiten.

Kennen Sie das? Sie treffen einen entfernten Bekannten und kommen im Laufe des Gesprächs
auf ein Thema zu sprechen, das emotional genug ist, die Meinung Ihres Gegenübers von Ihnen
vollständig zu erschüttern. Sie spüren, dass mit jedem weiteren Wort die Gefahr wächst, als
Spinner abgestempelt zu werden. Und nun gehen Sie dazu über, ihre intuitive Überzeugung
mit Hilfe rationaler Argumente zu verteidigen. Die Augen Ihres Bekannten verengen sich, die
Skepsis steht ihm ins Gesicht geschrieben, und doch versuchen Sie es noch immer. Sie spüren:
Es ist fast schon zu spät, zu widerrufen und mit einem Scherz oder einem Lächeln aus der
Situation herauszukommen. Nun heißt es: am Ball bleiben, Worte auf Worte türmen, sich mit
überzeugenden Beispielen gegen den Vorwurf der Leichtgläubigkeit verschanzen: Hier rede ich,
ich kann nicht anders.

Situationen wie diese sind nur deshalb so unangenehm, weil sie uns als soziales Wesen gegen
den Strich gehen: Wir alle wollen schließlich geliebt, wir alle wollen schließlich verstanden
werden. Haben Sie einmal darauf geachtet, wie die meisten Gespräche zwischen Bekannten oder
Zufallsbegegnungen ablaufen? »Ja genau!«, »Das sehe ich genauso!« Und dann geht es los, das
Bestücken der eigenen Genausoigkeit, von ähnlichen Bekannten über ähnliche Erfahrungen bis
hin zu ähnlichen Meinungen. Zufrieden gehen wir nach so einem Gespräch auseinander,
denn ich habe mein Gegenüber nicht nur verstanden, ich bin auch selbst nicht in Frage gestellt
worden. Situationen wie die eingangs geschilderte sind auch deshalb so unangenehm, weil sie
uns unsere eigene Widersprüchlichkeit vor Augen führen: Denn wie anders ist es zu erklären,
dass wir unsere ureigensten Überzeugungen und Gefühle nicht eindeutig und überzeugend
untermauern können?

Das Problem steckt nicht im Detail, wie man zunächst meinen könnte. Die Unvereinbarkeit
irrationaler und rationaler Impulse durchzieht unsere gesamte Gesellschaft, formt und bestimmt
unsere Handlungen, unsere Wirtschaft, unser Sozialsystem. Und dabei ist es ja nicht etwa so,
dass Fakten und Meinungen immer klar voneinander zu unterscheiden wären. »Ich glaube keiner
Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe,« heißt nicht umsonst ein geflügeltes Wort, das
wahlweise Joseph Goebbels oder Winston Churchill in den Mund gelegt wird. Vieles, was uns in
Anbetracht unserer eigenen Meinung als völlig eindeutig erscheint, löst sich bei der Betrachtung
durch ein anders eingestelltes Gegenüber sogleich in Wohlgefallen auf. Denn das meiste von
dem, was wir zu wissen glauben, entlarvt sich letztlich – als Meinung.

Für Meinungen, nicht für Fakten können und wollen wir geliebt werden. Niemand bezöge
Befriedigung aus der Übereinstimmung in der Frage, dass Milch nach einer gewissen Zeit sauer
wird. Meinungen sind es, die uns miteinander verbinden, die uns ein Gefühl von Sicherheit, von
Geborgenheit vermitteln. Letztlich sind auch Religionsgemeinschaften, Sportvereine und
politische Parteien in ihrem Kern in erster Linie Meinungsgemeinschaften. Nicht nur in der Kirche
geht dem Beitritt deshalb ein Glaubensbekenntnis voran. Hier treffe ich auf Gleichgesinnte, hier
besteht ein gewisser Schutz vor dem zu Beginn geschilderten Gefühl, allein zu stehen, sich
lächerlich zu machen, die eigene Überzeugung im Gegenwind der Argumente wie Eis in der
Sonne schmelzen zu sehen.

Es wäre unsinnig, sich gegen die Meinung zu erheben als einen Hort der Unwahrheit. Doch es gilt
zu beachten, dass ein Leben unter Gleichgesinnten eine gefährliche Nebenwirkung hat: Es hüllt
uns in das wohlige Gefühl, die Wahrheit zu kennen, im Streitfall sogar besser als jeder
Außenstehende. Insofern ist es zwar unangenehm, aber immer wieder sehr heilsam, sich
Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen zu stellen und die eigenen
Wahrheiten am Feuer ihrer Skepsis zu schmieden. Nicht nur Politiker und »Wutbürger« haben in
den vergangenen Monaten die Erfahrung machen können, dass Verständnis für die Position des
Andersgläubigen die eigene Position nicht unbedingt schwächen muss. Sobald wir unsere Lust
am Konsens, unsere Angst vor Widersprüchen überwunden haben, wartet hinter der Verwirrung
nicht selten ein neues Selbstbewusstsein. Also nicht verzagen, wenn Sie sich in Kürze mal
wieder völlig hilflos wähnen, weil Ihnen bei einer Meinungsverschiedenheit die Argumente
ausgehen. »Was wirklich zählt, ist Intuition,« meinte schon Rationalitäts-Relativist Albert
Einstein. Und der muss es ja schließlich wissen.


»Ich bin frei!«
(November 2010)
Pressefreiheit, Meinungs- und Versammlungsfreiheit: Kaum ein Wort bzw. ein Wert wurde in den
vergangenen Jahren häufiger medial und politisch beschworen als die sogenannte »Freiheit«. Wir
alle sind gefordert, wenn aus unserem Ideal kein Lippenbekenntnis werden soll.

Angesichts der Tatsache, dass Politiker unterschiedlichster Couleur heute allesamt dem selben
Kampfbegriff frönen, stellt sich freilich die Frage, was sie im Einzelnen unter »Freiheit«
verstehen. Und nicht nur Staatsmänner, auch religiöse Bewegungen führen immer wieder den
Begriff der »Befreiung« in ihrem Munde. Was hat es auf sich mit einer Idee, die alle Klassen,
Konfessionen und Nationen zu einen scheint – und am Ende doch nur wieder neue Spannungen,
Kriege und Verbrechen generiert?

Im Falle der »westlichen Welt« scheint es eigentlich ganz einfach. Nicht nur Astrologen machen
das Prinzip der »Befreiung« (Entdeckung des Planeten Uranus im Jahr 1781) an den
Ereignissen der Französischen Revolution fest: Ein ganzes Volk steht auf und schüttelt die
verhasste Obrigkeit ab. Ein spätes Pendant dieser »inneren Befreiungsform« ist der
Bürgeraufstand 1989 in der DDR, der ebenfalls zu völlig neuen politischen Verhältnissen geführt
hat. Als Prototyp und Beweis für die Möglichkeit einer »äußeren Befreiung« gilt nach wie vor die
Niederwerfung Nazi-Deutschlands und die Demokratisierung dieser ihrer Grundrechte amputierten
Gesellschaft von Tätern und Überlebenden. Doch nicht erst in Afghanistan und im Irak erwies
sich der Vergleich mit diesem Präzedenzfall als ein hinkender: »Befreiung bedeutet noch nicht
Freiheit«, titelte die »Zeit« denn auch im Hinblick auf den »Unfug der populären Parallele Irak
2003 und Deutschland 1945«. Doch ist der Einmarsch im Irak, der Einmarsch in Afghanistan
überhaupt mit dem Verteidigungskrieg gegen eine expandierende Weltmacht zu vergleichen?

Dass die große Politik auch in unseren Breitengraden, nimmt sie das Wort »Freiheit« in den
Mund, nur in den seltensten Fällen aus idealistischen Motiven heraus handelt, dürfte spätestens
mit dem Rücktritt des Bundespräsidenten im letzten Jahr klargeworden sein. Köhlers folgenreiche
Aufforderung, »doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land
unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit
auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist,
um unsere Interessen zu wahren« legte bloß offen, was man über die amerikanische Weltpolizei
längst munkelte: »Enduring Freedom« hatte neben »politischer Befreiung unterdrückter
Gesellschaften« vor allem eine Mission: »andauernd freie Handelswege«.

Eine aktuelle Karte der unabhängigen Organisation »Freedom House«, die die Gesellschaften der
Welt nach ihren politischen und zivilen Freiheiten beurteilt, attestiert vor allem Asien und der
arabischen Welt ein großes Freiheitsdefizit. Abgesehen von Indien, Bhutan und der Mongolei auf
der einen und Marokko auf der anderen Seite gelten alle Staaten in diesen Gegenden als »nur
teilweise frei« bzw. »unfrei«.

Umso schwerer wiegt es, dass sich unsere »freie Welt« daran zu gewöhnen scheint, in
Anbetracht der kolportierten Bedrohung durch Mitglieder unfreier Gesellschaften die eigenen
Freiheiten immer weiter einzuschränken. Und diese Einschränkung hat nicht nur etwas mit
Sicherheitskontrollen und elektronischen Trojanern zu tun. Neulich erzählte mir eine Bekannte,
sie habe sich nicht auf den Potsdamer Platz getraut aus Angst, sich länger als nötig in der
Nähe einer Menschenmenge aufzuhalten. Meine Frage an sie lautete: Welchen Wert besitzt die
Verteidigung unserer freiheitlichen Gesellschaft noch, wenn wir ihr zuliebe so bereitwillig
unsere Freiheiten als Bürger zu opfern bereit sind?

Angst ist nur dann sinnvoll, wenn sie zur Vermeidung realer Bedrohungsszenarien führt. Eine
grundsätzliche Skepsis »seltsam aussehenden oder arabisch sprechenden« Mitbürgern
gegenüber (Berlins Innensenator Körting) ist ebenso wenig zielführend für ein erfülltes Leben wie
der Versuch, Straßen zu meiden, um nicht überfahren zu werden, oder das Baden zu
unterlassen, um nicht zu ertrinken. Wer sich dieser Logik überlässt, geht Gefahr, sich vom Leben
aufs Überleben zu verlegen – und damit den Sinn des Ganzen aus den Augen zu verlieren.

Als sich der an Leukämie erkränkte Poet Nikos Kazantzakis (»Alexis Sorbas«) eine Inschrift für
sein Grab überlegen sollte, entschied er sich für die Sätze: »Ich hoffe nichts. Ich fürchte
nichts. Ich bin frei.« Seither finden sie sich überall in Griechenland auf T-Shirts, Wänden und in
Poesiealben wieder. Kazantzakis‘ Freiheitsbegriff ist weder ein politischer noch ein
kapitalistischer; es ist im besten Sinne ein philosophischer. Freiheit hat bei ihm nichts mit der
Beseitung bestimmter Umstände zu tun, sondern mit der Abwesenheit von Vorurteilen der
eigenen Zukunft gegenüber. Der freie Mensch entsteht ihm zufolge nicht erst in einer »freien
Gesellschaft«. Er beginnt dort, wo die vorauseilende Bereitschaft endet, sich durch eine
bestimmte Erwartungshaltung an die Welt im Voraus in den eigenen Möglichkeiten
zu beschneiden.


Kulturfremde Kreise
(Oktober 2010)
Wer mutwillig Angst vor »fremden Kulturkreisen« schürt, platziert sich selbst in reichlich
kulturfremden Kreisen.

Eines wurde in den Debatten der letzten Monate zum Thema Migration und Integration immer
wieder deutlich: Bestimmte Kulturen besitzen allem Anschein nach so etwas wie unabänderliche
Wesenszüge, die sich aller Aufklärung und Moderne zum Trotz einfach nicht tot kriegen lassen.
Wo immer man ihnen Platz einräumt, suchen sich ihre mittelalterlichen Antworten einen Platz im
Rampenlicht zeitgenössischer Fragestellungen. Die Rede ist nicht von Mahmud Ahmadinedschad
oder Osama bin Laden. Die Rede ist von der derzeit aufbrandenden »verbalen Reconquista«, in
deren Schlagschatten populistisch agierende Spitzenpolitiker den Versuch unternehmen, durch
markige Sprüche und kollektive Diskriminierung einen Untergang des Abendlands zu verhindern,
den sie zuvor selbst publikumswirksam an die Wand gemalt haben. Dass diese politische
Mode keineswegs ein zeitgenössisches Phänomen ist, beweist ein Blick auf die in letzter Zeit so
oft beschworene jüdisch-christliche Historie.

Betrachten wir das angespannte Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen zueinander, so
können wir es durchaus mit dem Zwist dreier ungleicher Geschwister vergleichen. Während der
älteste Sohn, das Judentum, von Geburt an in handfeste Auseinandersetzungen mit
gewaltbereiten Nachbarjungs verwickelt war (Stichwort: Ägypten, Babylon, Rom), erfuhr gerade
das Christentum als Sandwich-Kind mit Adoptionshintergrund eine fast klassische
Anerkennungsproblematik: Mitten im römischen Reich geboren, galt es bis zu seiner
»Verstaatlichung« im 4. Jahrhundert zunächst als jüdische Sekte und dann als Staatsfeind
Nummer 1. Der Islam hingegen verlebte wie viele Nesthäkchen zunächst eine fast traumhafte
Kindheit: mit rasender Geschwindigkeit eroberte er schon im zarten Alter von wenigen
Jahrzehnten mit militärischer Dominanz und religiöser Toleranz einen fast globalen
Freundeskreis. Psychologen zufolge besitzten unsere ersten Jahre ja bekanntlich eine enorme
Wirkung auf unsere spätere Entwicklung.

Ohne den Vergleich von den drei ungleichen Brüdern strapazieren zu wollen, scheint sich auch
bei Judentum, Christentum und Islam eine jeweils typische Haltung der religiösen Verwandtschaft
gegenüber bereits in frühen Jahren herausgebildet zu haben. Während der Islam ein potentiell
entspanntes Verhältnis zu den ihm »schutzbefohlenen« älteren Geschwistern an den Tag legte,
galt er den Christen von Anfang an als eine Bewegung, die ihnen den Rang streitig machte –
sicherlich neben theologischen Differenzen auch aus der Erfahrung heraus, gerade im ersten
Jahrhundert der arabischen Expansion große Teile des eigenen Einflussbereichs an diese junge
»Sekte« verloren zu haben. Dieser »anti-muslimische« Reflex des Christentums (den das
Judentum übrigens niemals entwickelt hat) ist bis in die gegenwärtige gesellschaftliche
Diskussion deutlich spürbar.

Wer im »Westen« an die Begegnung von Islam und Europa denkt, dem fallen im historischen
Kontext zunächst »die Türken vor Wien« und vielleicht noch der »Fall von Konstantinopel« ein.
Muslime besitzen ganz andere Assoziationen: die religiös motivierte Vertreibung des Islam
aus Al-Andaluz, einem Hort der religiösen Toleranz und der kulturellen Blüte unter den liberalen
Umayyaden, die stetigen christlichen Aggressionen im Rahmen der Kreuzzüge und – nicht zu
vergessen – der Kulturimperialismus des Westens im Rahmen der Kolonisation Nordafrikas und
der Levante.

Die derzeitige Verbalverschanzung Europas hinter christlich-jüdischen Mauern offenbart, dass die
gefühlte »Überfremdung« im Prinzip wenig mit Ehrenmorden, totalitäten Mullas und
Selbstmordattentätern zu tun hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass Ehrenmorde,
Mullahs und Selbstmordattentate nur deshalb unser Bild vom Islam prägen, weil sie ein viel
älteres Vorurteil bedienen, das wir bereits seit Jahrhunderten verinnerlicht haben: der Muslim
als kulturfremdes, ja kulturfernes Wesen, dessen »mittelalterliche Zeitrechnung« und
»Wüstenethik« nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft passt. Insofern ist es müßig, stets auf den
Unterschied zwischen Islamisten und Muslimen hinzuweisen, da sich der Deckmantelcharakter
dieser Unterscheidung in der aktuellen Debatte von selbst ad absurdum geführt hat.

Um auf das Bild der ungleichen Brüder zurückzukommen: Statt uns gegenseitig Entfremdung und
Intoleranz vorzuwefen, sollten wir von Zeit zu Zeit einfach mal einen Blick in unser gemeinsame
Familienalbum werfen. So »fremd«, wie uns die Feinde des Haussegens auf beiden Seiten immer
wieder weismachen wollen, sind wir uns nie gewesen.



Respekt kommt vor Wahrheit
(September 2010)
Im Herbst lud mich eine Freundin dazu ein, mir ein altes, römisches Matronenheiligtum in
Nettersheim (Nordrhein-Westfalen) zu zeigen. Sie betonte, dass dies für sie ein ganz besonderer
Ort sei, eine Art »spirituelles Wohnzimmer«. Hierhin kam sie nach eigener Aussage, wann immer
sie Sorgen drückten oder sie wichtige Entscheidungen zu fällen hatte. Neugierig stimmte ich zu.

Das Wetter bei unserem Ausflug war einer Pilgerfahrt angemessen: strahlender Sonnenschein,
vereinzelte Wattewolken am Himmel und eine Temperatur, die nach einem durchregneten und –
aller globalen Klimaerwärmung zum Trotz – erbärmlich kalten August wunderbar anmutete. Als
wir am Fuße der kleinen Straße angekommen waren, die zu dem erhöht gelegenen Heiligtum
führte, kam uns eine Prozession gut gelaunter Wanderer entgegen, die eine Weiterfahrt
unmöglich machte. Meine Freundin stellte den Motor ab, und wir beobachteten von unserem Auto
aus die in kleinen Gruppen herabtröpfelnde Menschenmenge. Einige Männer und Frauen trugen
Accessoires, die an einen Historienfilm erinnerten: Togen, Helme und Stäbe.

Als wir bei dem kleinen Parkplatz vor dem Heiligtum angekommen waren, sahen wir, wie eine
andere Gruppe von einem entgegen gelegenen Weg aus auf der Spitze des Hügels Einzug hielt.
Neugierig näherte ich mich dem größtenteils aus älteren Herren und ihren Ehefrauen bestehenden
Publikum, das gebannt in Richtung eines nicht viel jüngeren Mannes in sportlicher
Wanderkleidung blickte. Wie den Sprachfetzen zu entnehmen war, handelte es sich um eine
Reisegruppe, die sich das Heiligtum aus kunsthistorischem Interesse heraus ansehen wollte. Der
einzelne, der Gruppe gegenüberstehende Mann war augenscheinlich ein pensionierter
Archäologe, der einst die Grabungen vor Ort geleitet hatte. Freudig setzte ich mich in Hörnähe,
während meine Freundin, die mit der Geschichte des Orts wohl vertraut war, in der Umgebung zu
wandern begann.

Rasch erfuhr ich alles Wissenswerte über diesen mir bis dato unbekannten Ort: die Theorie eines
frühen Baumkults an dieser Stelle, die Adaption der Stätte durch die einfallenden Römer, die
ubische Ikonographie der Matronen, die direkt über den Hügel verlaufende antike Reisestraße
und die an den Tempel angeschlossene, eben erst ergrabene Siedlung. Kurz vor dem Ende
seiner Ausführungen kam der Archäologe noch auf die Äpfel und Blumen vor den modernen
Abgüssen der in diesem Areal gefundenen Denksteine zu sprechen. Mit zynischem Lächeln und
großväterlich-akademischem Kopfschütteln berichtete er seiner staunenden Reisegruppe von
verrückten Frauen mit langen Röcken und bunten Schals, die hier vor Ort noch immer – oder
wieder – Opfer und Gebete verrichteten, in der Meinung, hier einen besonders wirksamen
»Kraftort« der alten Religion zu besitzen. Ein Lachen ging durch die Reihen der pensionierten
Bildungsbürger, bevor der Führer das Wort an eine junge Frau, die heute vor Ort tätige
Archäologin, abgab. Sie dankte ihrem Vorredner, um sich schon bald von seinen letzten
Aussagen zu distanzieren: mit den neuen Heiden habe man sich längst arrangiert, es gäbe
keinerlei Berührungsängste, so lange aus Naturschutzgründen auf Brandopfer und offenes Feuer
verzichtet werde.

Mit einem schwer zu unterdrückenden Gefühl der Empörung mache ich mich auf die Suche nach
meiner Freundin, die sich etwas abseits unter einen alten Baum gesetzt hatte. In ihren Händen
hielt sie zwei Äpfel, die sie den Matronen mitgebracht hatte. Leise setzte ich mich neben sie, um
sie bei ihrem Gebet nicht zu stören. Ich beobachte die Reisegruppe, die sich inzwischen in
Richtung Tal zu ergießen begann. Ein Schmetterling setzte sich auf meinen Schuh, und ich
lächelte über den Kitsch und die Versuchung, mich von der Schönheit der Szenerie über den
eben noch verspürten Ärger hinwegtrösten zu lassen.

Als er kurz nach den ersten Ausführungen seiner Kollegin noch einmal zu Wort gekommen war,
berichtete der Archäologe stolz von der religiösen Toleranz der Römer, die auch hier vor Ort
sichtbar werde: statt die alten Kulte zu verdrängen, die eigene Religion zu exportieren, hatten sie
überall in ihrem Reich die für den antiken Polytheismus typische Verschmelzung mit den lokalen
Traditionen vorgenommen. Religionskriege, so fügte er hinzu, seien auf diese Weise übrigens
undenkbar.

Als auch der letzte Besucher hinter der Kuppe des Berges verschwunden ist, zieht der
Schmetterling wieder weiter. Meine Freundin öffnet die Augen und strahlt mich mit dem für sie
typischen Übermut an. »War es interessant?« fragte sie mich. »Sehr!« sagte ich, ohne zu
flunkern. »Und? Was gelernt?« setzte sie nach. Ich nickte und dachte an die objektive
Respektlosigkeit des alten Wissenschaftlers auf der Suche nach seiner subjektiven Wahrheit.
»Eine Menge.«



Sinn ist möglich
(August 2010)
»Bin 71 Jahre und immer noch auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens.« In einer
Kontaktanzeige stieß ich auf diesen Satz, der mich nicht mehr losgelassen hat.


Warum, kann ich – wie bei allem, das berührt – nicht wirklich erklären. Ob es die Ehrlichkeit war,
mit der die Schreiberin zugab, trotz aller Lebenserfahrung nicht wirklich »klüger« geworden zu
sein? Oder die Strahlkraft ihrer ungetrübten, beinahe kindlichen Neugier? Oder war es die
Tatsache an sich, dass weder Neugier noch Aufgeschlossenheit garantieren, dass wir
irgendwann, sei es »später«, sei es »im Alter«, auch wirklich dahinter kommen, worum es sich
bei unserem Tun und Treiben eigentlich gehandelt hat?

»Dass der Mensch in seiner Jugend das Ziel so nahe glaubt,« las ich einst voller Entzücken und
zugleich voller Unverständnis in Hölderlins Hyperion. »Es ist die schönste aller Täuschungen,
womit die Natur der Schwachheit unsers Wesens aufhilft.«

Sinnhaftigkeit, das ist nach zwei Weltkriegen und Postmoderne zumindest im Westen ein
Auslaufmodell. Unmodern, aber ganz und gar nicht überwunden, möchte man im Hinblick auf die
explodierende Esoterikbranche meinen. Konservative Kreise werden mit den Fingern zeigen und
sagen: Dann doch lieber Christentum, das hat wenigstens Halt gegeben und war nicht nur auf
Profit aus. Doch genau diese Pragmatik überzeugt die Sinnsucher reichlich wenig: Hauptsache,
der Laden läuft, ist im Hinblick auf eine ehrliche Sehnsucht nach dauerhaften Wahrheiten ein
reichlich dünner Fusel; von Zynikern gebraut, die sich – da fraglos – herrlich überlegen fühlen.
Mittelalter à la Kreationisten und Al-Qaida oder Relativismus ist denn auch nicht die Gabelung,
vor der wir stehen. Zumindest das Diesseits scheint wohlversorgt: Moral und Ethik, einst die
Hauptanliegen der Kirche, werden nun vom Staat kontrolliert – und kaum jemand wird bezweifeln,
dass dies, trotz aller Missstände, besser als je zuvor geschieht.

Beim Ersatz von Predigten und kirchlichen Edikten durch Gesetze und Grundrechte ist nur ein
kleiner Fehler unterlaufen, der anfangs gar nicht so ins Gewicht fiel: das Jenseits, einst der
Fokus unserer Bemühungen, steht seit der Aufklärung leer. Die Modernen werden jubeln und
zurecht darauf verweisen, dass angesichts unseres Justizsystems keine Höllen-Drohungen mehr
nötig sind, um Menschen zu disziplinieren. Vergessen wird im grellen Lichte der Säkularisierung
jedoch, dass Angst und Hölle nur ein (wenn auch sehr wirksames) Werkzeug, und nicht das Ziel
der Religion war: Einem Kollateralschaden vergleichbar kam mit Satan und Papst irgendwann
auch der Sinn des Ganzen abhanden.

Zurück blieb die bislang größte Chance der Menschheitsgeschichte: ein Volk freier und
selbständig denkender Leute, mit Vernunft begabt, mit Instrumenten ungeheuren Wissens
ausgestattet und gegen die gröbsten Ungerechtigkeiten geschützt. Ein Volk, das sich – wie
Menschen zuvor – nach Liebe sehnt, nach Frieden, Wohlstand und Lust.

Und Sinn, höre ich eine 71jährige Frau zaghaft sagen.Nicht der große, der alles erklärende, der
gelehrte Grund allen Seins. Nein, was der Schreiberin fehlt, ist der ganz persönliche, der private,
der »Sinn meines Lebens«. Fehlt er ihr wirklich – oder ist er ihr nur nicht bewusst? Und welche
Chancen hatte sie – haben wir –, ihn in dieser uns eigenen metaphysischen Freiheit
aufzuspüren?

Der »Sinn« ist – schon allein, weil sein Fehlen, sein Nichtkennen als so leidvoll wie Hunger,
Durst oder Krankheit erlebt wird – sicher kein Unsinn, wie man uns manches Mal weismachen
will. Sinn ist weder unverzichtbar noch Accessoire einer dekadenten Gesellschaft, deren
Grundbedürfnisse befriedigt wurden. Sinn hat mit Rechtfertigung zu tun, mit Absolutheit und ist
schon deshalb etwas »Transzendentes«.

Die Frage nach der Essenz unseres Lebens ist daher unbedingt ernst zu nehmen. Sie ist weder
ein Ersatz für die philosophische Freiheit, die wir uns mühsam erkämpfen mussten, noch ein
Zeugnis mangelnder »Modernität«. Sie ist vielmehr ein Hinweis, dass es neben den bekannten
Wegen ins Glück noch weitere Straßen zu erkunden gilt. Mit dem Sinn scheint es sich letztlich
wie mit der Liebe zu verhalten: Er ist nicht einfach zu finden – aber er ist möglich.



Gefährliche Ideale
(Juli 2010)
Idealisten gelten gemeinhin als die besseren Menschen. Wenn der Papst mit geschlossenen
Augen über Kondome philosophiert, ist das nicht nur grob fahrlässig, es ist leider auch
Idealismus.


Was macht mich zum Idealisten? Zum Idealisten macht mich zum Beispiel, dass ich Religion für
eine gute Sache halte. Man wird mir sofort ins Wort fallen und sagen, gerade heute: aber die
Religion ist doch die Ursache für so viel Leid, Krieg und Missverständnis. Würde ich dem
beipflichten, wäre ich ein Realist. Ein Mensch, der das Konzept der Religion danach beurteilt,
was sie angerichtet hat und noch immer anrichtet, betrachtet die Religion naturgemäß als etwas
Destruktives, Naturfeindliches, zu Überwindendes. Ich sehe die Religion als das, was sie will,
was sie beabsichtigt, ich beurteile Religion nach dem ihr innewohnenden Potential. Ihre Ziele
sind hehr: Altruismus, Demut, Hingabe und eine große und selbstlose Liebe Gott, den Menschen
und der Schöpfung gegenüber.

Demnach hat Idealismus nicht nur etwas mit Blindheit gegenüber der Realität zu tun, sondern
auch sehr viel mit der Hingabe zur Möglichkeit. Sofort mag man sagen: oh ja, deshalb ist der
Idealist ja keinen Deut besser als der Religiöse, denn Religion schafft all das Übel in der Welt ja
gerade dadurch, dass sie die Menschen nicht einfach leben lässt, sondern verändern will im
Sinne eines Ziels, das die jeweilige Religion gerade für erstrebenswert hält. Dann frage ich mich:
Aber sind die Religiösen nicht auch die Konservativen? Was wiegt nun schwerer, ihr
»realistischer« Hang zur Bewahrung des Vorhandenen oder ihr »idealistischer« Hang zur
Verbesserung desselben?

Dass nicht nur Jesus, John Lennon und Mutter Theresa, sondern auch Mao und Adolf Hitler
Idealisten waren, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Auch nicht, wenn man betrachtet,
dass fast alle Kriege der letzten hundert Jahre zwischen Idealisten mit unterschiedlichen
Idealen geführt wurden. Das gefährliche am Nationalsozialismus ist ja eben nicht die Tatsache,
dass in den dreißiger Jahren durch die kollektive Blindheit eines ganzen Kontinents Halbaffen an
die Macht gelassen wurden, die töten und vernichten wollten. Niemand wäre ihnen gefolgt. Die
verführte Masse folgt stets dem Ideal. Das gefährliche an den Nationalsozialisten ist, dass sie
nach ihrer Definition tatsächlich meinten, eine Welt des Lichts, der Befreiung und des Glücks zu
errichten. Nirgends wird das klarer als in dem zynischen Urteil Himmlers, die Welt würde den
Deutschen für die Vernichtung der Juden eines Tages dankbar sein. Das Unrecht lag darin,
dass man diese lichte Welt exklusiv gestalten wollte und auf Kosten der restlichen Menschheit.

Wenn wir heute die Taliban und das Mullah-Regime in Teheran verurteilen, weil es mit unserem
Verständnis von Menschenwürde nicht vereinbar ist, Ehebrecher zu steinigen und Homosexuelle
in Fußballstadien aufzuhängen, dann spüren wir eine berechtigte, eine natürliche Aversion gegen
Menschen, die sich zu Richtern (und Henkern) aufspielen im Namen einer höheren Gerechtigkeit.

So kommen wir unserem Problem vielleicht auf die Spur: Idealismus sollte vielleicht, wie alles
Religiöse, ein Bestandteil des privaten Lebens bleiben. Hier besitzen Ideale einen
unverkennbaren Wert. Wer Ideale hingegen mit Machtausübung verknüpft, riskiert einen hohen
Preis. Doch was ist dann mit der humanitären Hilfe? Mit den Ökoaktivisten? Sind nicht auch sie
politisch aktive, also nach Macht und Einfluss strebende Idealisten?

Wir sehen, wir befinden uns zwischen zwei Mühlsteinen. Und so werden wir uns auch weiterhin
unseren Zickzackkurs durch die Ideale und Realitäten dieser Welt bahnen müssen, um zu einem
Lebenskonzept zu gelangen, das für uns als denkende Menschen tragbar ist. Immer bereit zu
hoffen und Veränderung zu wagen, aber niemals auf Kosten von Anderen.