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| alle anderen deutschland 2008 r: maren ade k: bernhard keller |
Es gibt zwei Arten von Filmen. Mein Mitbewohner aus New York hat es mir erklärt: das eine sind movies, das andere sind films. Wer auf movies steht, kann sich an dieser Stelle sparen weiter zu lesen, doch wen es, wie mich, immer wieder in jene Gattung von films zieht, in denen nichts explodiert, nicht geschossen und nicht die Welt gerettet wird und trotzdem eine Welt vor einem entsteht, dem sei folgendes Exemplar von Film unbedingt ans Herz gelegt. Dass Alle Anderen ein sprechender Titel ist, liegt auf der Hand. Und tatsächlich, darum geht es auch, in diesem Film. Warum bist Du nicht wie alle anderen? Warum bin ich nicht wie alle anderen? Wie soll ich eigentlich für Dich sein? Die Anderen, soviel steht in postmodernen Zeiten fest, haben es gut, zuweilen sogar besser. Doch ist damit ein Lebenskonzept zu gewinnen? Anders sein? Man möchte sagen: ja! Es ist die Essenz unserer Zeit geworden, anders zu sein, das ist lange und oft erörtert, verteidigt und beschossen worden. Dieser Film ist es nicht, das sei vorausgeschickt. Seine Größe, seine Berührungskraft, seine Ausstrahlung besteht gerade daraus, dass er ein bisschen wie wir alle ist, ohne in Banalitäten abzugleiten. Zu Beginn des Films, der bereits in den ersten Szenen eine emotionale Stellungnahme zu seiner Hauptdarstelletin erzwingt („Sag es laut: Ich hasse Dich!“), scheinen Chris und Gitti zu den Anderen zu gehören. Jene, die man kennt und mag und beneidet, die die Leichtigkeit gepachtet haben, ganz abseits von Taoismus und Trommlern und Joints. In einer Villa am Pool an den Klippen einer Mittelmeerinsel ist das vielleicht auch nicht zuviel verlangt. Erst allmählich entpuppen sich diese scheinbar Anderen als ein Teil von uns. Anfangs durch Zitate, dann durch kleine Blicke und Gesten, die von Wünschen, Ängsten und dem Spaß am Niemalserwachsenwerden erzählen. Plötzlich, mit einem Mal, ist man da, wo Maren Ade uns haben will: am Grund einer Beziehung. Dass die Protagonisten allesamt aus jenem Milieu stammen, das den Film im Kino auch sehen wird, kann man der Autorin vielleicht vorhalten, aber natürlich funktioniert es auch. Und es stellt sich mit einmal die Frage, warum wir alle so versessen darauf sind, so überzeugt davon sind, dass mit dem Einen, mit der Einen alles besser werden sollte. Diesem Anspruch kann man nicht gerecht werden. Nicht Chris und Gitti, nicht Hans und Sana, und nicht einmal wir. Dafür sind wir auch viel zu sehr wie Alle Anderen. |
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| die entdeckung der currywurst deutschland 2007 r: ulla wagner k: theo bierkens |
Wer ins Kino geht und „Zweimal Currywurst“ verlangt, hat sich entweder
im Haus vergriffen oder beschlossen, den Film zur Novelle von Uwe Timm zu sehen, der am 11. September in die deutschen Kinos kam. Der Kammerspielartigen, schlichten Geschichte und der wunderbaren, erfahrenen Hauptdarstellerin (Barbara Sukowa) zum Trotz wird man dort jedoch nicht so recht auf den Geschmack kommen. Merkwürdig montierte, genrefremd wirkende Rückblenden, die ebenso gut aus „Reich und Schön“ stammen könnten, und eine problematisch besetzte männliche Hauptrolle (Alexander Khuon, zweifellos ein ausgezeichneter und attraktiver Schauspieler, doch den Weltkriegsgebeutelten Soldaten mag man dem Jungen nicht so recht abnehmen) werden von der unmotiviert wirkenden Schauspielerführung nicht gerade aufgefangen und lassen den Zuschauer bei diesem kulinarischen Kinoerlebnis hungrig zurück. |
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| evet, ich will! deutschland 2008 r: sinan akkuş k: peter nix |
"Evet, ich will" ist eine Hochzeitskomödie abseits entflohener
Bräute und verhängnisvoller Polterabende. Statt neurotischer Junggesellen mit Torschlusspanik wird hier ein Reigen deutsch-türkischer Beziehungen porträtiert, der pointierter und temporeicher nicht sein könnte. Und obwohl es Regisseur Sinan Akkuş nicht darum ging, Klischees vorzuführen, gelingt es ihm dank der glänzenden Dialoge und der ausgezeichneten Besetzung, Altbekanntes in originellen Konstellationen aufeinander prallen zu lassen. Hierbei wird die innermuslimische Diskriminierung ebenso aufs Korn genommen wie der türkische Waldorfonkel und die pseudo-liberalen Alt-68er. Im Gegensatz zu so vielen missglückten oder trefflich mittelmäßigen deutschen Komödien werden die Charaktere nie missbraucht, um Witziges zu generieren. Akkuş liebt seine Figuren, und diese Liebe überträgt sich im Kino mühelos auf seine Zuschauer. |
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| ein geheimnis frankreich/deutschland 2007 r: claude miller k: gérard de battista |
Dem Regisseur Claude Miller ist es zu verdanken,
dass eine der einfühlsamsten Geschichten über die deutsche Besatzung Frankreichs nun auf der Leinwand seine Zuschauer finden wird. Es ist kein Film der langen Ledermäntel und der grauen Uniformen. Stattdessen erhalten die dreißiger und vierziger Jahre in "Ein Geheimnis" eine Farbenpracht, die dem Zuschauer über altmodische Frisuren und Kleider hinweg ins Herz zu greifen vermag. Die jüdische Familie, die im Zentrum des Buchs wie des Films steht, ist viel zu menschlich gezeichnet, um als Opfer oder Außenseiter herhalten zu können. Was die "Grimberts" erleben und fühlen, sich gegenseitig antun oder wünschen, ist eine durch und durch kontemporäre Angelegenheit. Statt, wie so viele Filme, eine dramatische Zeit quasi exemplarisch mit Einzelschicksalen zu illustrieren, um sie nacherlebbar zu machen, findet die politische Geschichte hier in einem zutiefst realistischen Sinne statt: nur sehr langsam schleicht sie sich in das Bewusstsein der Familie und wirkt als Katalysator für das, was sich ohnehin bereits in ihren Reihen abgezeichnet hat. Claude Miller hat den Titel des Filmes ernst genommen. Doch statt das "Geheimnis" zu zelebrieren, überlässt er dem Zuschauer die Möglichkeit, selbst dahinter zu kommen, was es mit den sonderbaren Phantasien des kleinen François auf sich hat. Einmal mehr beweist das französische Kino, dass es keine Explosionen braucht, um adäquate Bilder für die Dramatik der menschlichen Natur zu finden. Nie haben die Worte "Das ist mein Sohn" finsterer und nornenhafter geklungen als als dem Mund von Ludivine Sagnier ("Swimming Pool", "8 Frauen" etc.), die einmal mehr beweist, dass sie zu den interessantesten, weil wandlungsfähigsten Schauspielerinnen des Europäischen Kinos gehört. |
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| krabat deutschland 2008 r: marco kreuzpaintner k: daniel gottschalk |
Wen einfühlsame Sozialgeschichten, trashige Komödien und biedere
Kriminalserien kalt lassen, wird hier sein deutsches Aha-Erlebnis haben. Deutlich sichtbar für den internationalen Markt konzipiert, braucht sich dieser heimisch produzierte Film weder für seine technischen Standards noch für seine sorgsam inszenierte Story zu schämen. Und wenn sich mittelalterliche Raubritter und Knechte mit Matrix’scher Kameraführung in rumänischen Dorfkulissen verkloppen, darf auch mal geschmunzelt werden. Marco Kreuzpaintner gelang mit seiner Literaturverfilmung ein düster-mythisches Kino von Weltformat. Berührt hat es mich allerdings nicht. |
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| lornas schweigen begien/frankreich/italien 2008 r: jean-pierre und luc dardenne k: alain marcoen |
Wieder einmal gelang
den Dardenne-Brüdern eine fabelhaft inszenierte Geschichte über den schweren Stand von Moral in einer ergebnisorientierten Welt ohne Skrupel und Tabus. Von Anfang an glaubwürdig und erschreckend eindringlich gespielt gelingt es Arta Dobroshi, Lornas allmählich erwachendes Gewissen in einem risikoreichen Spiel um Selbstbestimmung und Unterordnung in einem menschenverachtenden Apparat zu illustrieren. So reicht die Wirkung der Fabel weit über das kleinkriminelle Milieu, in das sie angesiedelt ist, hinaus. Wenn die in Belgien lebende Albanerin Lorna ihr persönliches Glück, ja ihr Leben aufs Spiel setzt, um einem Menschen das Leben zu retten, den sie anfänglich wohl kalkulierend verachtet, wird jeder politische Mitläufer als Überzeugungstäter entlarvt. |
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| nowhere boy großbritannien 2009 r: sam taylor-wood k: seamus mcgarvey |
Wenn Liebe etwas mit dem Wunsch nach Ewigkeit und der Angst vor Verlust zu tun hat, dann erklärt sich vielleicht, warum ein verunglückter Held so viel Kraft besitzt, uns noch Jahre nach seinem Tod in unseren Herzen und Köpfen zu bewegen. John Lennon wäre diesen Herbst 70 Jahre alt geworden; stattdessen jährt sich am 8. Dezember sein 30. Todestag. Lange vor diesem nicht nur für Beatles-Fans tragischen Verlust spielt dieses eindrucksvolle Lennon-Biopic der Regie-Debütantin Sam Taylor-Wood (43). Sensibel und mit außergewöhnlich guten Darstellern besetzt skizziert „Nowhere Boy“ die tragischen emotionalen Verstrickungen zwischen dem jungen John (Aaron Johnson), seiner Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) und der lange verschwundenen Mutter Julia (Anne-Marie Duff), die der Ausnahmemusiker mit Hilfe seines Talents später in Meilensteine der Rockgeschichte umwandeln wird. Dass eine schwierige Kindheit also nicht unbedingt in einer verkrachten Existenz enden muss, beweist dieser Film ebenso mühelos wie die Tatsache, dass der Beatle lange vor Yoko Ono vor allem durch sein Verhältnis zu Frauen geprägt wurde. Aaron Johnson gebührt das Lob, den jungen Lennon in Mimik, Haltung und Stimmlage so überzeugend zu verkörpern, dass man nach dem Verlassen des Kinos meint, selbst Augenzeuge der schicksalshaften Jahre von Johns Wiederbegegnung mit der Mutter bis zu seinen ersten Erfolgen in Hamburg gewesen zu sein. Matt Greenhalghs runder Dramaturgie ist es außerdem zu verdanken, dass man nie dem von so vielen Star- Biographien her bekannten Gefühl erliegt, Zeuge einer Verfilmung bekannter Schwarzweißfotos zu werden. Dass dieses mehrfach preisgekrönte Werk gleich zu Beginn der Lennon‘schen Karriere schon wieder zu Ende ist, tut der Wirkung des Films übrigens keinen Abbruch; vielleicht, weil er damit unbewusst einer alten Lebensweisheit folgt: hör auf, wenn es am Schönsten ist. |
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| obsession deutschland/england/frankreich1996 r: peter sehr k: david watkin |
Schon in den ersten Szenen wird deutlich, welche Tonart Regisseur Peter Sehr mit seinem außergewöhnlich gut besetztem Film einschlagen möchte: Es ist eine heitere Melancholie, die sich durch diese multikulturelle Dreiecksgeschichte zieht und die sich weder von den ästhetischen Bildern noch von der bemerkenswerten Tonmischung in den Hintergrund drängen lässt. Obsession gelingt ganz nebenbei das Kunststück, ein liebenswertes Porträt des heutigen wie des vergangenen Berlin zu zeichnen, ohne seinen Protagonisten die Rolle von Erfüllungsgehilfen zuzuweisen. Dass Heike Makatsch mit ihrem leichten wie sensiblen Spiel nicht nur James-Bond-Darsteller Daniel Craig und Prix Lumière-Preisträger Charles Berling den Kopf verdreht, ist nur einer der wenigen herausragenden Leistungen dieses Klassikers des poetischen Films. |
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| ein russischer sommer deutschland/russland 2009 r: michael hoffmann k: sebastian edschmid |
Eigentlich hätte Meryl Streep die Rolle der Sofia
Tolstoi spielen sollen. Doch diese sagte ab, und die Bühne wurde frei für Oskar-Preisträgerin Elena Vasilievna Mironova. Was die gebürtige Engländerin mit russischem Blut, besser bekannt unter ihrem selbst gewählten Namen Helen Mirren, in diesem in Russland angesiedelten, englischsprachigen deutschen Film mit Hollywood-Regisseur leistete, ist denn auch preisverdächtig. Im Gegensatz zur literarischen Vorlage gelingt es ihr nämlich meisterhaft, die Landminen einer in die Jahre gekommenen Ehe zweier sehr unterschiedlicher Charaktere abzubilden, ohne in Schuldzuweisungen oder einseitige Verurteilungen abzugleiten. Leo Tolstoi wird vom Mythos zum Mensch, seine Gattin Sofia von der Furie zur Frau. Und hier liegt denn auch der Kern der Qualität dieses Films: Zärtlichkeit und Gewalt, Überdruss und Zuneigung, Idealismus und Angst treffen in einer beängstigenden Dichte aufeinander, die es ermöglichen, diesen historisch-biographischen Einblick als das zu verstehen, was sein Regisseur Michael Hoffman ursprünglich intendiert hat: kein Kostümfilm, sondern ein Gleichnis „über die Schwierigkeiten, mit der Liebe zu leben – und der Unmöglichkeit, ohne sie zu leben.“ Dies ist ihm zweifellos gelungen. "Du brauchst keinen Ehemann, sondern einen griechischen Chor!" brüllt der erzürnte Dichter, nur um wenige Minuten später seiner lachenden Muse zärtlich noch einmal "den Hahn zu machen". Abgesehen von kleineren Missständen – genannt seien die merkwürdig unrealistisch wirkende orthodoxe Kapelle in mehreren Überland-Szenen sowie die streckenweise sehr schablonenartige Filmmusik – ist „The Last Station“, wie der Film im englischen Originaltitel weitaus origineller (da doppeldeutiger) lautet, ein handwerklich einwandfreier, poetisch wie menschlich berührender Einblick in die letzten Tage eines schon zu Lebzeiten verehrten Genies. Wer sich in Kirchenkritik übt, wird hier auf seine Kosten kommen. Zu schön wird der Gegensatz aus Meister und Jüngern herausgearbeitet – und die Versuche von „Paulus“ Vladimir Chertkov, den Führer der Tolstojaner, den anarchischen und pazifistischen Schriftsteller noch zu Lebzeiten zur Ikone zu erheben. Auf einer Pressekonferenz zu Beginn der Dreharbeiten in „Sexy Anhalt“ (O-Ton Mirren) rief die britische Schauspielerin in Anspielung auf die Rollen-Ablehnung Streeps begeistert in die Mikrophone: „Meryl, du hast einen großen Fehler gemacht!“ In Anbetracht der dargebrachten Leistung müssen wir dem entschieden widersprechen. Wir sagen: "Danke, Meryl!" |
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| romy deutschland 2009 r: torsten c. fischer k: sebastian edschmid |
Eine Frau zur Ikone zu erheben, bedarf es wenig:
öffentliche Tränen, ein unbestreitbares Charisma und ein tragischer Tod. Manches Mal, wenn das Ableben (und die Geburt) von Ikonen so nah beieinander liegt wie im Jahr 1982, ist man beinahe versucht, an Vorsehung zu glauben: innerhalb von nur sechs Monaten verliert die Welt Romy Schneider, Ingrid Bergmann und Grace Kelly. Drei Schauspielerinnen, drei Generationen, drei tragische Enden: Krebs, Autounfall und ein gebrochenes Herz – und eine Welt, die die Trauer um Menschen vereint, die sie gekannt zu haben glaubte. Auch Männer sterben tragisch, Männer wie James Dean, JFK oder John Lennon. Doch ihr Tod rührt nicht, er verärgert. Wenn die Welt eine Muse verliert, und sei es auch nur eine Projektionsfläche all ihrer Neurosen, Träume und Eitelkeiten, dann geht ein Riss durch ihr Herz, wie zuletzt bei Lady Di. Im Fall der Ikonen von 1982 haben wir es gleich mit drei Schauspielerinnen zu tun. Was liegt – ist die erste Trauer verebbt und der Wunsch nach neuer Nähe geboren – näher als eine Übersetzung Ihrer Schicksale in das Medium, mit dem sie groß und berühmt geworden sind? Nichts, rufen die einen, alles, schreien die anderen. Und so ist es auch im Falle Romy Schneider. Gestern Abend war die erste Verfilmung ihres Lebens auf ARD zu sehen, ein so genanntes Biopic, ein Film, der sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Eindruck zu hinterlassen, nicht abschließende Fragen zu beantworten, einen unvergleichbaren Menschen zu erklären oder seinen Werdegang erschöpfend zu behandeln. Man sollte ihm also auch nicht vorwerfen, dass er uns das nicht geben kann, was er weder zu geben imstande war noch zu geben gedachte. Doch an seinem Anspruch, „in die Lebensmelodie der Romy Schneider hineinfinden“ – so der Regisseur Torsten C. Fischer – darf man, muss man den Film letztlich messen. Das Scheitern von „Hilde“ und „Romy“ hat zwei sehr unterschiedliche Ursachen. Beides sind professionell erstellte, teure, ebenso gut recherchiert wie gemeinte Filme – gut, der eine fürs Kino, der andere fürs Fernsehen –, doch beide widmen sich einem überaus charismatischen und widersprüchlichen Menschen, der einmal ein deutscher Weltstar war. Nach dem gestrigen Fernseherlebnis drängt sich mir der Verdacht auf: „Hilde“ scheitert am Buch, „Romy“ an der Darstellerin. Denn während „Hilde“ eine unglaubliche Makatsch in Szene setzt - in eine weder ihr noch der Dargestellten gerechte Szene zwar, doch immerhin ihr - finden wir in „Romy“ das gegenteilige Ergebnis wieder. Böser Wille ist nicht mit im Spiel, denn man sieht: Jessica Schwarz versucht redlich, „wie Romy zu reden, zu lachen, zu rauchen und zu trinken, aber indem sie imitiert, ohne nachempfindbar zu machen“. In einem Interview resümiert sie über Ihre Ähnlichkeit mit der Darzustellenden: „Wir sind beide Schauspieler voller Leidenschaft mit einer großen Liebe zum Beruf.“ Und doch liegen Welten – sichtbar gewordene Welten – zwischen einer guten Schauspielerin und einer charismatischen, zerbrechlichen und tief erotischen Frau wie Romy Schneider. Diese Diskrepanz darf man letztlich nicht Jessica Schwarz anlasten, sondern einzig und allein ihren Castern - und jenen, die sie zu inszenieren gedachten und ihr dabei nicht selten zu wenig Raum ließen, um der Kopie einen eigenen, einen lebendigen Impuls hinzuzufügen. So ist aus dieser "Romy" weder eine gute Romy, noch eine faszinierende Filmfigur geworden. Dass ihre Macher (wie vielleicht viele gutmeinende Zuschauer) diese schmerzliche Diskrepanz nicht sehen oder sehen wollten, gar konnten, ist wiederum kein böser Wille. Es ist vielmehr symptomatisch, wen wir zu "Stars" erheben und mit wem wir uns schmücken, was wir im Fernsehen sehen und was wir unter Ausstrahlung und Prominenz verstehen. Dies soll keine Gegenwartsschelte sein, vielleicht ist es eher ein Charakterbild der Deutschen. Drei Weltstars hatten die Deutschen in der BRD, um das Bild der drei Ikonen vom Beginn des Artikels wieder aufzunehmen: Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider. Alle drei haben wir vertrieben, alle drei haben wir beleidigt, alle drei haben wir nach ihrem Tod zu Göttinnen erhoben. „You don’t know what you got until you loose it”, sang John Lennon 1974. Und auf der gleichen Platte fügte er prophetisch hinzu: “Everybody loves you when you're six foot in the ground.” So wie der Tod eines Stars auch deshalb mit so großer Trauer erfüllt, weil er sich wie ein gebrochenes Versprechen anfühlt, so erfüllt auch der Tod eines anderen Films mit Trauer, der einst den Namen "Eine Frau wie Romy" trug und von dem uns nicht viel mehr geblieben ist als ein Casting, das mehr als ein Versprechen war. |
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| die tür deutschland 2009 r: arno saul k: bella halben |
Deutsche Filme sind langweilig. Deutsche Filme sind
durchschaubar. Deutsche Filme sehen bieder aus. Deutsche Filme sind alles außer spannend: Vier Vorurteile, die zugegebenermaßen streng, in ihrem Pauschalismus sicher ungerecht, doch häufig leider mehr als begründet sind. Woran liegt das? Häufig an schwacher Schauspielführung und einem fehlerhaften Buch. Spätestens seit „Dogma“ wissen wir: mangelnde Technik ist nervig, aber nach einer gewissen Gewöhnung vernachlässigbar – Phantasielosigkeit in der Handlung ist es nie. „Die Tür“, der neue Film von Arno Saul nach einem Roman von Akif Pirinçci („Damalstür“, „Felidae"), kann geradezu als Paradebeispiel eines Films bezeichnet werden, der in etliche Fallen der heimischen Filmindustrie – nicht – getappt ist. Weder vermag es dieser Film, durch einseitige Genrefixierung zu langweilen – dem Grusel, dem Schaudern folgte nicht selten ein Lacher im Kinosaal, der sicher nicht verirrt, sondern durchaus einkalkuliert war –, noch gelang es ihm, uns mit elegischen, aber inkonsistenten Bildern zu beeindrucken statt uns in die Handlung einzubinden, uns herein zu ziehen in die trotz aller kruden Verwicklungen niemals preisgegebenen Charaktere. Die Schauspielkunst von Dogma-Held und James-Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen steht außer Frage. Auch in dieser anspruchsvollen Hauptrolle gibt der vielseitige Däne zu verstehen, wie präsent man (oder frau) neben einem Profi wie ihm im Bild erscheinen muss, um nicht überspielt zu werden. Mikkelsen fordert, ohne abzuhängen, den restlichen Cast heraus. Dass Heike Makatschs Mitwirkung im Vor- und Abspann ausdrücklich als „Gastauftritt“ qualifiziert wurde, mag daran liegen, dass man dieser exzellenten Schauspielerin keine größere Rolle als die der Geliebten zutraute – und sie damit wieder einmal in einem Akt von Type-Casting auf die ungezogene, rebellische und sexuell einfordernde Lebenskünstlerin beschränkte. Doch nicht nur der Cast begeistert. Was Fabian Roemer mit der Filmmusik geleistet hat, ist mehr als originelle Hintergrundmusik. Der Schweizer Komponist schuf einen roten Faden, der den Zuschauer schaudernd und eindringlich von Station zu Station seines filmischen Entdeckens führt. Seine Instrumentierung, seine Bereitschaft, die Bilder nicht bloß zu kommentieren, einen Bogen um kompositorische Klischees zu machen, stellt einen großen Reiz in der Betrachtung der von Kamerafrau Bella Halben wunderbar in Szene gesetzten Bilder dar. Dass dieser Film an etlichen Stellen schnell geschnitten ist, fällt im Gegensatz zu vielen Blockbustern nicht als hektische Betriebsamkeit, sondern als Liebe zum Detail ins Auge. Die von Pirinçci inspirierte Story ist so philosophisch wie spannend und geht von einer nachvollziehbaren Frage aus: Was würdest Du tun, wenn Du die Zeit noch einmal ein paar Jahre zurückdrehen könntest? Würdest Du versuchen, Versäumnisse und Fehler ungeschehen zu machen, Dich diesmal richtig zu verhalten? Und hier liegt auch das große Potential dieses Films: Man wird ihn nicht einfach los, wenn der Abspann auf der Leinwand erloschen ist. „Die Tür“ erzeugt dieses wohlige, unheimliche Gruselgefühl, das Geschichten wie die von Edgar Allen Poe einst so erfolgreich machte und das sich in den ersten Minuten nach dem Ende des Films so wirksam im eigenen Erleben einnistet, bevor man es, lachend oder küssend, plaudernd oder laufend, endlich wieder abstreift, langsam wieder zum Leben erwacht in der scheinbaren Eindimensionalität der so genannten Wirklichkeit. Dass ein Film, der mit einer so offensichtlichen Irrealität wie einem Zeitportal umgeht, weder kippt noch zu einem Science Fiction Werk mutiert, ist eine der großen Leistungen des Regisseurs. „Die Tür“ beweist, wie viel man sich trauen kann im deutschen Kino, ohne die Gunst der von vielen unterschätzten Zuschauerschaft zu verlieren. |
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| un conte de noel frankreich 2008 r: arnaud desplechin k: eric gautier |
Wenn Menschen in ein Pop-Konzert gehen, so tun sie
es in der Gewissheit und in der Hoffnung, ihnen bekannte Lieder mitsingen zu können. Sie tun dies, weil es ihnen das wohlige Gefühl des Wiedererkennens und des Zuhauseseins gibt, und weil sie offenkundig teilen, was sie lieben, anders ausgedrückt: weil das, was sie lieben, auch von anderen geliebt und damit bestätigt wird. Wer ins Kino geht, verhält sich, auch wenn er anderes behauptet, scheinbar gegenteilig. Während der Mainstream der Kinobesucher unumwunden zugibt, gut unterhalten – im Sinne einer Ablenkung vom Alltag – werden zu wollen, ist auch der Arthouse-Liebhaber im Kino, um Neues zu sehen, überrascht zu werden und sich damit - intellektuell angeregt - ebenfalls unterhalten zu fühlen. Das mag ihn vom Telenovela- oder Serien-Gucker unterscheiden, der in der Regel Bestätigung seines Weltbilds und der darin vorhandenen Rollen und Motive sucht. Nehmen wir nun an, ein innovatives Pop-Konzert bräche mit den stilistischen Gewohnheiten seiner Hörer, es würde fraglos als schwer verdaubar und vermutlich platt als schlecht bezeichnet werden. Erfüllung von Erwartungen ist ja bekanntlich nicht nur in der Liebe mehr als die halbe Miete, so aufgeklärt sich der Zuschauer oder Liebhaber auch darstellen und empfinden mag. Ebenso im Film: obwohl hier freimütig behauptet wird, auf Neues aus zu sein, kann man diese mit Verve vorgebrachte Behauptung getrost als Selbstbetrug einstufen. Denn: sicher sollen die Schachzüge der Gauner noch trickreicher, ihre Verfolgung noch spektakulärer, ihr Liebesleben noch exzessiver dargestellt werden. Ebenso, wenn nicht noch konservativer, verhält sich der Filmliebhaber. Seine Dreiecksgeschichten, seine tief gestörten, seine hoch poetischen, seine aussichtslosen und doch fragilen Charaktere sollen immer neorealistischer, immer komplexer, immer schlichter, immer eindrucksvoller agieren und ihn anregen, über das Gesehene auch im Anschluss noch nachdenken oder diskutieren zu wollen. Was immer Regisseur Arnaud Desplechin mit „Un conte de Noël“ vorhatte, ihm lagen mit Sicherheit nicht die konservative Sehgewohnheit am Herzen. Und so hat er einen Film ge- schaffen, der verstört, der nervt, der ärgert, aber der auch berührt, nachdenklich stimmt und überrascht. Es ist ein Film, dessen Staraufgebot (von Catherine Deneuve über Mathieu Amalric und Melvil Poupaud bis hin zu Chiara Mastroianni) ihn adelt, noch bevor mal ihn gesehen hat. Und da beginnt der Betrug: man erwartet. Und man wird aufs Glatteis geführt. Obwohl sich die Deneuve nicht viel anders als in "8 Frauen" bewegt, Poupaud nicht anders als in "Die Zeit die bleibt" raucht und Amalric seine Augen nicht anders als in "Schmetterling und Taucherglocke" rollt, wirken sie durch ihre Zusammenstellung, durch die Montage doch anders als gewohnt. Zwar gelingt es Desplechin nicht, seine Akteure neu zu erfinden (dazu hatte er bei der Fülle von Figuren wohl weder die Möglichkeit noch vermutlich die Absicht), aber er benutzt die Stereotype seiner Schauspieler auch nicht, um sich hinter ihnen zu verstecken. Statt dessen, und ich meine das in einem durchaus wertneutralen Sinne, vergewaltigt er seine Stars. Dies geschieht durch exzessive Montageexperimente und einen Soundtrack, der in einer freundlichen Kritik als „die gesamte Bandbreite musikalischen Schaffens“ bezeichnet wurde und den ich höflich als barock-abwechslungsreich bezeichnen will. An einem Film wie „Un conte de Noël" werden sich die Geister scheiden. Dass die Geschichte, die zu Beginn etwas an ihrem Figurenreichtum krankt – in einer Epoche der Singlehaushalte und Kleinfamilien müssen vier Kinder, ihre jeweiligen Ex-, Fast und Noch-Partner, ihre Kinder und Eltern, vergangene wie zukünftige Schuldzuweisungen, Intrigen und Krankheitsfälle erst einmal verdaut werden –, spätestens ab der genialen Szene, in der sich Mutter und Sohn völlig unzynisch darüber in Kenntnis setzen, nie besonders viel füreinander empfunden zu haben, dass die Geschichte spätestens jetzt funktioniert und die Charaktere den Zuschauer auch wirklich berühren, spricht für einen wirklich innovativen Weg, vertraute (und gewünschte) Sehgewohnheiten überwindend an neue Erzählformen des Kinos herangeführt zu werden. Auch wenn Gucklochblenden, Musikgedöns und Hauruckmontage gelegentlich die Fäuste ballen lassen: ansehen und selbst schauen, was dieses innovativ formulierte Weihnachtsfamilienmärchen uns postmodernen Stadtneurotikern zu erzählen hat! |
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