nicolasflessa
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Die letzte Jahreszeit der Welt
Auszug aus einem Roman
über Marguerite Duras

(2000)
Prolog

Ich bin die Frau, die die Frauen fürchten, weil sie sie liebt.
Ich bin die Frau, die keine Frau mehr ist.
Ich bin die Frau, die zu einsam ist, um eine Frau zu sein.
Weil sie ohne Männer nicht sein kann.
Nicht ohne, nicht mit.
Nicht ist eine Frau, die mich näher kennt als ich.
Ich habe sie alle gekannt.
Ich habe Lol gekannt.
ich habe Vera gekannt.
Ich war es, die Anne-Marie ins Leben gerufen hat.
Es kann keine Frau geben ausser mir.
Keine von derartiger Weiblichkeit, nirgends.
Ich bin die Frau, die das Schicksal der Frauen erträgt, ohne zu stöhnen.
Ich bin die Frau.


1

Um zu reden, hätte ich das Schweigen unterbrechen müssen.
Um zu reden, hätte ich schweigen müssen.
Ich habe weder gelebt noch geredet.
Ich habe Versuche bereitet, die Versuche zu leben, weiter nichts.
Ich habe versucht, über das Reden ins Leben zu geraten.
Leben zu bringen.
Leben.
Ich habe Sterbende im Leben halten müssen, habe sie angefasst wie eine Krankheit, die nicht
vorüber geht, die nicht abzuschütteln ist vor Schwäche.
Ich habe atmen müssen.
Atmen nach Dachau.


2

Ich kann nicht sagen, wann ich begonnen habe.
Die Biographen sagen bald.
Ich bin keine, die von sich behaupten kann, dass sie bald begonnen hat.
Doch eher, eher als die meisten.
Es ist von keiner grossen Bedeutung, wann ich begonnen habe.
Oder wann ich vorhabe aufzuhören.
Ich bin in dieser Zeit gewesen, das steht fest.
Das ist es, was von Bedeutung ist.
Ich könnte sagen:
Sie war eine Frau von äusserster Beharrlichkeit.
Sie war aufregend, war frisch.
Ich könnte sagen:
Alle wollten sie haben, möglichst rasch, möglichst unverbraucht.
Doch ich lüge.
Wenn ich schreibe, schweige ich.
Verschweige ich die Wahrheit.
Alles.
Es ist nicht an mir, zu sprechen.

Für einen wie Dich ist es nicht zu begreifen.
Es ist zu weit von Dir, vielleicht auch zu beharrlich.
Ich werde es dennoch versuchen.

Streich mich, wenn Du kannst.

Es ist das Frühjahr, das mich begeistert macht, auch im Winter.
Es war Winter, Winter wie noch nie.
Es war ein deutscher Winter.
Wir waren Kinder, bis wir die Deutschen trafen.
Wir wussten es nur nicht.



3

In der Nacht, in der wir beschlossen, Partisanen zu werden, war kein einziger Schuss zu hören.
Es war eine lautlose Nacht, unsichtbar.
Es war eine Nacht, die den Lärm der Welt verriet, ohne ihn zu nennen.
Ein stilles Gefecht.
Wir gingen daran, Freunde zu besuchen, Freunde, von denen wir nicht sicher sein konnten, dass
sie nach Ablauf der Nacht noch immer unsere Freunde sein würden.
Es waren keine Freundschaftsbesuche.
Es waren schweigsame Momente, da wir begannen, über die Wahrheit zu sprechen.
Es waren die deutlichsten Stunden unsrer Zeit.

Wir nannten sie die Lagers.
Die Lagers, weil sie anderswo keine Macht mehr besassen, weil sie niemals zuvor Macht
besessen hatten in den Ländern unsrer Zeit.
Sie hatten getötet und geschrien.
Geschrien und Getötet.
Doch der Mann mit dem Totenkopf an der Stirn besass keine Autorität.

Ich sah das Leid in den Augen der Begeisterten.
Ich sah sie wirklich wahrhaft sein.
Sie erzählten uns von den Verhören, den endlosen, von den Prügelstrafen.
Sie hatten es in ihre Augen geschrieben.
Nichts von ihnen war auf Rache aus.
Es waren geschlagen und geprügelt noch immer aufrechte Menschen.
Sie sagten:
Es ist nicht von dieser Welt, was sie planen, und es ist nicht von dieser Welt, was sie ihr antun,
was sie glauben bewegen zu müssen, um ihre Form des Stillstand zu erreichen.
Es sind beinahe tote Menschen.
Es sind Menschen, die sich selbst das Menschsein abgesprochen haben, kurz, nur um zu tun,
was sie bewegt.
Als ob es möglich sei, ein Volk von Mördern wieder frei zu lassen.
Als ob der Druck nach seinem Ende nicht weiter wirken würde.
Es sind Widersinnige.
Alle.

Ich habe damals nicht begriffen, was sie uns zu sagen hatten.
Ich habe es gehört und nicht gehört.
Ich habe es geglaubt, doch nicht verstanden.
Ich bin eine Unpolitische gewesen.
Ich habe geglaubt, dass es so etwas wie unpolitische Menschen gibt, dass es möglich ist, in
einer ganz und gar politischen Welt sauber zu bleiben.
Ich habe an das Französische Empire geglaubt.
Mehr nicht.
Meine Politik war die Politik der Kolonialbeamtin.

Sie sind deutlicher geworden.
Wir sind gemeuchelt worden.
Wir sind wie Tiere gehalten und von Tieren hingerichtet worden.
Sie haben auch uns zu lebenden Toten erklärt.
Manche haben geschossen, weil sie niesen mussten.
Sie haben die Waffe auf eines der Tiere gehalten und geschrien: Gesundheit!
Sie haben einfach geschossen.
Sie haben, während sie sich die Nase putzten, ein Leben vernichtet.

Nichts von dem wäre denkbar, wenn es nicht geschehen, wenn es nicht gedacht worden wäre.

Sie haben gesagt:
Es geschieht auch heute Nacht.
Auch heute Nacht glänzen Dutzende von Augen, weinen Dutzende Tränen, weil sie gemeinsam
sind, weil der eine tritt und der andere getreten wird, weil sie gemeinsam sind.
Weil sie das Leid verbunden macht im Leben.
Weil sie gemeinsam Tod erleben.
Wir haben Glück gehabt, weiter nichts.

Ich frage sie, was sie Glück nennen in einem Lager wie diesem, was sie von den anderen
unterschieden hätte.
Sie sagen:
Weil wir keine Juden sind, sind wir glücklicher.
Weil wir das Glück hatten, das Menschsein nicht abgesprochen zu bekommen.
Weil wir nur Verbrecher sind.

Ich habe nichts verstanden.

Sie haben deutlicher gesagt:
Weil wir französische Arier sind, weil wir etwas sind, was es nicht gibt und was es niemals geben
kann.
Unsere Schuld ist abtretbar.
Weil wir Kommunisten sind.

Ich habe nichts von dem gewusst.
Ich habe nicht gewusst, dass es Juden gibt.
Ich habe nicht gewusst, dass es Nichtjuden gibt.
Ich habe nicht einmal gewusst, dass es so etwas wir Arier gibt, Arier im Westen, westliche Arier.
Ich habe nur eines gewusst:
Dass ich, einmal davon gehört, nicht mehr länger leugnen könnte, was geschieht und was
geschehen ist und was in einem noch grösseren Masse in alle Zukunft hinein geschehen wird.

An diesem Abend ist die Revolution in uns ausgebrochen, und es war eine rote, befreiende.