nicolasflessa
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Die Frau in der Wüste
Auszug
(2005)
Sie ist nie zuvor an diesem Ort gewesen. Es ist ihr erstes Mal, ihr erstes Mal in der Wüste. Sie
hat nichts davon gewusst. Sie ist in die Wüste gekommen wie ein Kind. Niemand hatte sie
gewarnt. Sie hätte behauptet: Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Sie hätte, auch auf vermehrte
Warnungen hin, mit falscher Sicherheit auf ihrer Kenntnis bestanden.

Niemand, der sie an ihrem ersten Tag in der Wüste gesehen hat, hätte geglaubt, dass sie zum
ersten Mal hier gewesen ist. Man hätte gedacht: Diese Frau, immer kehrt sie zurück an den Ort,
von dem aus sie aufgebrochen ist. Es ist, als sei sie niemals fort gewesen. Du kennst Sie nicht?
Es ist die Frau aus der Wüste, warum sie hier ist, weiß niemand. Aber jeder kennt sie, jeder hat
sie gesehen, selbst die Alten noch, sie kehrt immer wieder zurück. Was sie hier will? Niemand
hat sie je gefragt. Sie spricht nicht mit den Menschen. Das ist wohl der Grund, warum sie
niemand kennt. Niemand kennt sie, auch nicht die Menschen in ihrem Dorf. Sie lebt in einem der
alten Häuser am Rand des Fruchtlands. Sie scheint nur der Wüste wegen zu kommen. Ihre
Fenster, sie sind alle geschlossen, bis auf das eine. Es ist das Fenster, das auf den flachen
Berg hinaus reicht. Dort sitzt sie, manchmal auch auf einer Bank, und sieht über den Sand
hinweg auf die Kulissen aus Stein. Niemand hier im Ort kennt ihren Namen. Sie haben sie
gesehen und gewusst, wer sie ist. Sie haben keinen Namen gebraucht, sie haben ihr viele
Namen gegeben. Sie ist die Frau aus der Stadt gewesen. Sie ist die Blasse. Sie ist die
Wüstenverehrerin. Sie ist die Mutter des Todes, wenn man auf sie zu sprechen kommt.

Warum sie niemals spricht, hat keiner von ihnen verstanden. Sie kennt unsere Sprache nicht, hat
man angenommen. Sie hat Angst, hat man vermutet. Sie hat keine Angst, haben andere
gewusst. Weshalb sollte sie sonst an diesen Ort kommen, weshalb sollte sie sich dieser Wüste
aussetzen, Tag für Tag. Wenn sie Angst hätte, wäre sie geblieben, wohin sie gehört. Wieder
andere haben gesagt: Sie gehört hierher. Sie ist nirgends zu Hause, sie ist, wenn nicht in diesem
Haus am Rande des Fruchtlandes, nirgends auf dieser Welt zu Hause. Der Grund, warum sie
nicht gesehen wird, ist ihre Suche nach einem Ort, an dem sie noch mehr zu Hause ist als hier.
Doch das ist nicht der Fall. Sie wird immer wieder kommen, immer wieder an diesen Ort ohne
Namen, denn hier ist sie zu Hause. Man fragt sich: Hat sie denn keine Familie? Alle Menschen
im Ort haben Familien. Der Gedanke, einer Familie zu fehlen, macht ihnen Angst. Sie fragen
sich: Gibt es niemanden, der sie vermisst? Weshalb bekommt sie keinen Besuch? Niemand hat
sich jemals in ihre Nähe gewagt. Es gibt einen Laden in der Nähe des Tempels, da kauft sie
etwas Brot und Wasser. Doch sonst, kein Mensch. Das Haus, in dem sie wohnt, steht seit
langem leer. Es ist zu nichts mehr zu gebrauchen, seit sich die Wüste wieder genommen hat,
was ihr seit jeher gehört. Seit der kleine Garten wieder Sand geworden ist, war das Haus nicht
mehr bewohnt, und niemand erinnert sich mehr daran, dort je etwas Grünes gesehen zu haben.

Ganz früh, da bricht sie auf, begibt sich in eines dieser Täler, das der Regen freigewaschen hat.
Tausende von Jahren vor ihrer Zeit. Sie begibt sich dorthin, ohne irgendwo zu halten. Sie kennt
keinen Grund für einen Halt. Wenn sie geht, dann weiß sie nicht wohin. Sie ist sich sicher: Zu
halten, macht ohne Kenntnis des Zieles keinen Sinn. Manchmal vergisst sie, an das Wasser zu
denken. Sie hat nur die Wüste im Sinn, vergisst sogar, dass sie ohne Wasser sterben wird, wenn
sie nur dort draußen ist. Sie ist mit ihrem ganzen Wollen auf die Wüste ausgerichtet. Ihre Schritte
teilen den Sand und hinterlassen verblassende Spuren. Manchmal blickt sie sich um und sieht,
wie der Wind sie wieder verweht. Es ist ihr dann, als sei sie gar nicht ausgezogen und säße noch
immer in ihrem Haus am Fruchtland, die Gedanken auf die Wüste gerichtet und die Hände voller
Sand. Ihre Augen, die sind besser geworden mit der Zeit. Seit sie in der Wüste ist, sieht sie
schärfer, selbst die Farben, sie sind schreiender geworden in der Blässe dieser Gegend, der
immer gleichen, immer wechselnden Gelbheit dieser Wüste. Wenn sie in den Himmel blickt, dann
sieht sie das Blau des Meeres. Wie Inseln ziehen die Wolken an ihr vorbei, kleine, griechische
Inseln mit weißgetünchten Mauern, blau gestrichenen Kuppeln. Niemand hätte sie für verrückt
gehalten. In der Wüste birgt jede Wolke ein Versprechen.

Man hatte vermutet: Vielleicht gibt es keinen Mann, der sie genommen hat, und nun ist sie
hier, um zu vergessen. Um der Schande zu entgehen, keinen Mann zu haben. Vielleicht hat sie
ein Kind gehabt, und niemand sollte es wissen. Und nun ist sie es, die es in der Wüste besucht,
nachdem sie es dort begraben hat. Die Alten, sagt man, haben den Berg für heilig erachtet. Sie
haben ihn für den Eingang zur Unterwelt gehalten. Nun ist sie es, die jedes Jahr dorthin
zurückkehrt, weil sie es nicht vergessen kann, ihr namenloses Kind, und weil sie es um
Verzeihung bittet, um Vergebung für den Tod. Vielleicht, so sagt man, ist sie eine Hexe. Eine
Hexe, die man von zu Hause vertrieben hat, die in der Wüste ihren Zauber treibt. In diesem Fall,
so sagt man, müsse man sie töten. Zumindest aber müsse man ihr aus dem Weg gehen und sie,
wenn möglich, von hier verscheuchen. Die Alten, sagt man, haben eine Menge Zauber gekannt.
Der ganze Wüstenrand sei heute noch verhext, und wer zu lange in den Bergen bleibt, sei
unweigerlich verloren. Man habe, so weiß man zu berichten, an diesem Ort die Geister der
Unterwelt beschworen. Irgendwann, als der Zauber und die schlechten Menschen
überhandgenommen hatten, habe man vergessen, wie man sie entließ, und so waren eine Menge
Geister in der Wüste zwischen Bergen und Fruchtlandrand geblieben.

In den Tälern, da bleibt sie stehen. Sie bleibt stehen und merkt, wie müde sie geworden ist, wie
sehr der Marsch durch den Sand an ihren Kräften gezehrt, ihre Wachheit allmählich zersetzt hat.
Sie setzt sich, ohne auf die Sonne zu achten, in den heißen, weichen Sand. Der Wind ist über
dem Boden kaum zu spüren. Um diese Tageszeit gibt es ohnehin kein Entrinnen vor der Hitze,
sie legt sich wie ein feiner Staub über jeden Stein und jedes Haus, in jede noch so kleine Öffnung
dringt sie ein und nimmt von ihr Besitz. Sie scheint es nicht zu spüren. Jetzt, da es egal ist, wo
man sich aufhält, solange man bloß der Sonne entgeht, geht diese Frau in die Wüste und setzt
sich in den Sand.

Die Menschen im Dorf, sie halten sie für verrückt. Sie sagen: Sie will sich töten, sie erträgt sich
selber nicht. Sie hat keinen Grund mehr zu leben. Andere halten dagegen: Sie ist noch jung. Sie
wird heiraten, sie wird Kinder haben können. Die Menschen im Dorf, sie schütteln den Kopf, wenn
sie wieder in die Wüste geht, sie glauben fest daran, dass es dieses Mal das letzte Mal sein
wird. Keiner von ihnen hat je mit ihr gesprochen. Wenn die Bauern in der größten Mittagshitze
von ihren Tomatenfeldern kommen, dann geht sie schweigend an ihnen vorbei. Sie hat kein Auge
für sie, sie hebt nicht mal den Kopf. Und noch während man zu Mittag isst, hat sie den Gipfel
eines Berges erreicht und steht, für jeden sichtbar, in der Sonne. Man sieht sie dort noch, wenn
man vom Essen in eines der Cafes aufbricht, und wenn die Männer beisammen sitzen bei Tee
und Wasserpfeife.

Manchmal, sehr selten bloß, verlässt sie plötzlich die Kraft. An solchen Tagen ist es egal, ob sie
im Schatten einer Mauer oder in der prallen Sonne sitzt. Ihr Körper krallt sich in der Erde fest und
gibt sie nicht mehr frei. An solchen Tagen kann es geschehen, dass sie draußen in der Wüste
ist, in einem der Täler vielleicht, auf einem der Berge. Dann ist es ihr unmöglich,
zurückzukehren. Dann hat sie keinen Sinn mehr für das Schauen in der Wüste, dann will sie
riechen, atmen, ihren Atem funktionieren hören wie ein Uhrwerk, das sie am Leben hält, auch hier
in aller Blöße ihrer Kraft.  Sie legt sich dann, ihre Glieder weit von sich gestreckt, auf den
blanken Sand und schließt ihre Augen. Sie hört auf den Wind. Das Singen, das sie hört, das
Tanzen der Salzkristalle über ihre Fingerkuppen, alles lässt sie wieder Leben schöpfen, lässt sie
tiefer atmen, tiefer sinken in dem Sand, der sie in seinen Händen hält. Hier, in der
größtmöglichen Abwesenheit des Lebens, behauptet sie ihre Unvergänglichkeit. Sie denkt: Wenn
ich hier zugrunde gehe, werde ich unsterblich sein. Ich werde, vielleicht für ein Jahrtausend, nicht
mehr zu sehen sein, und ich werde leben, diese ganze Zeit hindurch. Sie denkt an ihre Kindheit
und schläft ein.

Man sieht sich an und sagt: Ein Mann würde sich finden lassen. Ein Mann wäre glücklich, sie zur
Frau zu haben, solange sie bloß keine Hexe ist. Es werden Namen genannt von jungen Männern,
Kinder noch, und dass es Zeit für eine Hochzeit ist. Doch niemand wird sie je deswegen
sprechen. Niemand wird sich trauen, mit der Hexe zu sprechen, und sei es auch nur wegen einer
Verlobung.

Als Mädchen, da ist sie am Meer gewesen. Sie ist am Meer gesessen und hat sich nicht gerührt.
Ihre Eltern sind in Besorgnis geraten. Sie haben gedacht: Das Kind, es ist nicht normal, es sieht
immerzu in die Weite. Warum spielt es nicht wie die anderen am Strand? Sie haben sie gefragt,
und sie hat ihnen gesagt: Ich warte. Sie haben sie nicht verstanden. Auf was, haben sie gefragt.
Sie hatte keine Antwort. Die Eltern haben sie gelassen. Sie haben gehofft, dass es vorübergeht,
und irgendwann haben sie nicht mehr darüber nachgedacht.

(...)