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| Die Frau in der Wüste Auszug (2005) |
Sie ist nie zuvor an diesem Ort gewesen. Es ist ihr erstes
Mal, ihr erstes Mal in der Wüste. Sie hat nichts davon gewusst. Sie ist in die Wüste gekommen wie ein Kind. Niemand hatte sie gewarnt. Sie hätte behauptet: Ich weiß, worauf ich mich einlasse. Sie hätte, auch auf vermehrte Warnungen hin, mit falscher Sicherheit auf ihrer Kenntnis bestanden. Niemand, der sie an ihrem ersten Tag in der Wüste gesehen hat, hätte geglaubt, dass sie zum ersten Mal hier gewesen ist. Man hätte gedacht: Diese Frau, immer kehrt sie zurück an den Ort, von dem aus sie aufgebrochen ist. Es ist, als sei sie niemals fort gewesen. Du kennst Sie nicht? Es ist die Frau aus der Wüste, warum sie hier ist, weiß niemand. Aber jeder kennt sie, jeder hat sie gesehen, selbst die Alten noch, sie kehrt immer wieder zurück. Was sie hier will? Niemand hat sie je gefragt. Sie spricht nicht mit den Menschen. Das ist wohl der Grund, warum sie niemand kennt. Niemand kennt sie, auch nicht die Menschen in ihrem Dorf. Sie lebt in einem der alten Häuser am Rand des Fruchtlands. Sie scheint nur der Wüste wegen zu kommen. Ihre Fenster, sie sind alle geschlossen, bis auf das eine. Es ist das Fenster, das auf den flachen Berg hinaus reicht. Dort sitzt sie, manchmal auch auf einer Bank, und sieht über den Sand hinweg auf die Kulissen aus Stein. Niemand hier im Ort kennt ihren Namen. Sie haben sie gesehen und gewusst, wer sie ist. Sie haben keinen Namen gebraucht, sie haben ihr viele Namen gegeben. Sie ist die Frau aus der Stadt gewesen. Sie ist die Blasse. Sie ist die Wüstenverehrerin. Sie ist die Mutter des Todes, wenn man auf sie zu sprechen kommt. Warum sie niemals spricht, hat keiner von ihnen verstanden. Sie kennt unsere Sprache nicht, hat man angenommen. Sie hat Angst, hat man vermutet. Sie hat keine Angst, haben andere gewusst. Weshalb sollte sie sonst an diesen Ort kommen, weshalb sollte sie sich dieser Wüste aussetzen, Tag für Tag. Wenn sie Angst hätte, wäre sie geblieben, wohin sie gehört. Wieder andere haben gesagt: Sie gehört hierher. Sie ist nirgends zu Hause, sie ist, wenn nicht in diesem Haus am Rande des Fruchtlandes, nirgends auf dieser Welt zu Hause. Der Grund, warum sie nicht gesehen wird, ist ihre Suche nach einem Ort, an dem sie noch mehr zu Hause ist als hier. Doch das ist nicht der Fall. Sie wird immer wieder kommen, immer wieder an diesen Ort ohne Namen, denn hier ist sie zu Hause. Man fragt sich: Hat sie denn keine Familie? Alle Menschen im Ort haben Familien. Der Gedanke, einer Familie zu fehlen, macht ihnen Angst. Sie fragen sich: Gibt es niemanden, der sie vermisst? Weshalb bekommt sie keinen Besuch? Niemand hat sich jemals in ihre Nähe gewagt. Es gibt einen Laden in der Nähe des Tempels, da kauft sie etwas Brot und Wasser. Doch sonst, kein Mensch. Das Haus, in dem sie wohnt, steht seit langem leer. Es ist zu nichts mehr zu gebrauchen, seit sich die Wüste wieder genommen hat, was ihr seit jeher gehört. Seit der kleine Garten wieder Sand geworden ist, war das Haus nicht mehr bewohnt, und niemand erinnert sich mehr daran, dort je etwas Grünes gesehen zu haben. Ganz früh, da bricht sie auf, begibt sich in eines dieser Täler, das der Regen freigewaschen hat. Tausende von Jahren vor ihrer Zeit. Sie begibt sich dorthin, ohne irgendwo zu halten. Sie kennt keinen Grund für einen Halt. Wenn sie geht, dann weiß sie nicht wohin. Sie ist sich sicher: Zu halten, macht ohne Kenntnis des Zieles keinen Sinn. Manchmal vergisst sie, an das Wasser zu denken. Sie hat nur die Wüste im Sinn, vergisst sogar, dass sie ohne Wasser sterben wird, wenn sie nur dort draußen ist. Sie ist mit ihrem ganzen Wollen auf die Wüste ausgerichtet. Ihre Schritte teilen den Sand und hinterlassen verblassende Spuren. Manchmal blickt sie sich um und sieht, wie der Wind sie wieder verweht. Es ist ihr dann, als sei sie gar nicht ausgezogen und säße noch immer in ihrem Haus am Fruchtland, die Gedanken auf die Wüste gerichtet und die Hände voller Sand. Ihre Augen, die sind besser geworden mit der Zeit. Seit sie in der Wüste ist, sieht sie schärfer, selbst die Farben, sie sind schreiender geworden in der Blässe dieser Gegend, der immer gleichen, immer wechselnden Gelbheit dieser Wüste. Wenn sie in den Himmel blickt, dann sieht sie das Blau des Meeres. Wie Inseln ziehen die Wolken an ihr vorbei, kleine, griechische Inseln mit weißgetünchten Mauern, blau gestrichenen Kuppeln. Niemand hätte sie für verrückt gehalten. In der Wüste birgt jede Wolke ein Versprechen. Man hatte vermutet: Vielleicht gibt es keinen Mann, der sie genommen hat, und nun ist sie hier, um zu vergessen. Um der Schande zu entgehen, keinen Mann zu haben. Vielleicht hat sie ein Kind gehabt, und niemand sollte es wissen. Und nun ist sie es, die es in der Wüste besucht, nachdem sie es dort begraben hat. Die Alten, sagt man, haben den Berg für heilig erachtet. Sie haben ihn für den Eingang zur Unterwelt gehalten. Nun ist sie es, die jedes Jahr dorthin zurückkehrt, weil sie es nicht vergessen kann, ihr namenloses Kind, und weil sie es um Verzeihung bittet, um Vergebung für den Tod. Vielleicht, so sagt man, ist sie eine Hexe. Eine Hexe, die man von zu Hause vertrieben hat, die in der Wüste ihren Zauber treibt. In diesem Fall, so sagt man, müsse man sie töten. Zumindest aber müsse man ihr aus dem Weg gehen und sie, wenn möglich, von hier verscheuchen. Die Alten, sagt man, haben eine Menge Zauber gekannt. Der ganze Wüstenrand sei heute noch verhext, und wer zu lange in den Bergen bleibt, sei unweigerlich verloren. Man habe, so weiß man zu berichten, an diesem Ort die Geister der Unterwelt beschworen. Irgendwann, als der Zauber und die schlechten Menschen überhandgenommen hatten, habe man vergessen, wie man sie entließ, und so waren eine Menge Geister in der Wüste zwischen Bergen und Fruchtlandrand geblieben. In den Tälern, da bleibt sie stehen. Sie bleibt stehen und merkt, wie müde sie geworden ist, wie sehr der Marsch durch den Sand an ihren Kräften gezehrt, ihre Wachheit allmählich zersetzt hat. Sie setzt sich, ohne auf die Sonne zu achten, in den heißen, weichen Sand. Der Wind ist über dem Boden kaum zu spüren. Um diese Tageszeit gibt es ohnehin kein Entrinnen vor der Hitze, sie legt sich wie ein feiner Staub über jeden Stein und jedes Haus, in jede noch so kleine Öffnung dringt sie ein und nimmt von ihr Besitz. Sie scheint es nicht zu spüren. Jetzt, da es egal ist, wo man sich aufhält, solange man bloß der Sonne entgeht, geht diese Frau in die Wüste und setzt sich in den Sand. Die Menschen im Dorf, sie halten sie für verrückt. Sie sagen: Sie will sich töten, sie erträgt sich selber nicht. Sie hat keinen Grund mehr zu leben. Andere halten dagegen: Sie ist noch jung. Sie wird heiraten, sie wird Kinder haben können. Die Menschen im Dorf, sie schütteln den Kopf, wenn sie wieder in die Wüste geht, sie glauben fest daran, dass es dieses Mal das letzte Mal sein wird. Keiner von ihnen hat je mit ihr gesprochen. Wenn die Bauern in der größten Mittagshitze von ihren Tomatenfeldern kommen, dann geht sie schweigend an ihnen vorbei. Sie hat kein Auge für sie, sie hebt nicht mal den Kopf. Und noch während man zu Mittag isst, hat sie den Gipfel eines Berges erreicht und steht, für jeden sichtbar, in der Sonne. Man sieht sie dort noch, wenn man vom Essen in eines der Cafes aufbricht, und wenn die Männer beisammen sitzen bei Tee und Wasserpfeife. Manchmal, sehr selten bloß, verlässt sie plötzlich die Kraft. An solchen Tagen ist es egal, ob sie im Schatten einer Mauer oder in der prallen Sonne sitzt. Ihr Körper krallt sich in der Erde fest und gibt sie nicht mehr frei. An solchen Tagen kann es geschehen, dass sie draußen in der Wüste ist, in einem der Täler vielleicht, auf einem der Berge. Dann ist es ihr unmöglich, zurückzukehren. Dann hat sie keinen Sinn mehr für das Schauen in der Wüste, dann will sie riechen, atmen, ihren Atem funktionieren hören wie ein Uhrwerk, das sie am Leben hält, auch hier in aller Blöße ihrer Kraft. Sie legt sich dann, ihre Glieder weit von sich gestreckt, auf den blanken Sand und schließt ihre Augen. Sie hört auf den Wind. Das Singen, das sie hört, das Tanzen der Salzkristalle über ihre Fingerkuppen, alles lässt sie wieder Leben schöpfen, lässt sie tiefer atmen, tiefer sinken in dem Sand, der sie in seinen Händen hält. Hier, in der größtmöglichen Abwesenheit des Lebens, behauptet sie ihre Unvergänglichkeit. Sie denkt: Wenn ich hier zugrunde gehe, werde ich unsterblich sein. Ich werde, vielleicht für ein Jahrtausend, nicht mehr zu sehen sein, und ich werde leben, diese ganze Zeit hindurch. Sie denkt an ihre Kindheit und schläft ein. Man sieht sich an und sagt: Ein Mann würde sich finden lassen. Ein Mann wäre glücklich, sie zur Frau zu haben, solange sie bloß keine Hexe ist. Es werden Namen genannt von jungen Männern, Kinder noch, und dass es Zeit für eine Hochzeit ist. Doch niemand wird sie je deswegen sprechen. Niemand wird sich trauen, mit der Hexe zu sprechen, und sei es auch nur wegen einer Verlobung. Als Mädchen, da ist sie am Meer gewesen. Sie ist am Meer gesessen und hat sich nicht gerührt. Ihre Eltern sind in Besorgnis geraten. Sie haben gedacht: Das Kind, es ist nicht normal, es sieht immerzu in die Weite. Warum spielt es nicht wie die anderen am Strand? Sie haben sie gefragt, und sie hat ihnen gesagt: Ich warte. Sie haben sie nicht verstanden. Auf was, haben sie gefragt. Sie hatte keine Antwort. Die Eltern haben sie gelassen. Sie haben gehofft, dass es vorübergeht, und irgendwann haben sie nicht mehr darüber nachgedacht. (...) |
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