nicolasflessa
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Wie vertragen sich Wissenschaft
und Esoterik?
(Teil1 der Reihe »Theorie der Magie«)
»Der Naturwissenschaftler kennt die Zweige des Baumes des Wissens, aber nicht seine
Wurzeln. Der Mystiker kennt die Wurzeln des Baumes des Wissens, aber nicht seine Zweige.
Die Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die
Naturwissenschaft – doch die Menschheit kann auf keine der beiden verzichten.« (Fritjof Capra,
Der kosmische Reigen)


Eine der erstaunlichsten Eigenschaften unserer Gesellschaft ist ihre metaphysische
Schizophrenie. Zwei scheinbar unversöhnliche Gesellschaftsgruppen, die Materialisten und die
Esoteriker, haben sich den Krieg erklärt, einen heiligen und kalten Krieg. Heilig, da es in jenem
Krieg um nichts Geringeres geht als um die Deutungshoheit der Wirklichkeit mit all ihren
Konsequenzen; und kalt, da dieser Krieg beinahe ausschließlich über Propaganda im eigenen
Lager geführt wird und nur sehr selten in Form einer echten Konfrontation, einer
Auseinandersetzung mit der gegnerischen Partei erfolgt. Beide Ideologien kämpfen um die
Seelen der Gläubigen, denen letztlich nichts anderes übrigbleibt, als einer der beiden Instanzen
eine verbindliche Weltdeutung zuzutrauen und diese von ihr zu übernehmen. Beide kämpfen mit
sehr unterschiedlichen Waffen, bedingt auch durch ihre jeweilige gesellschaftliche Stellung.
Während die gut situierte Wissenschaft kaum auf die überaus blühende Esoterikszene Bezug
nimmt, diese schon durch ihr Schweigen kommentarlos der Irrelevanz bezichtigt, verwendet so
mancher Esoteriker eine Menge Energie darauf, »die Wissenschaft« per se zu verurteilen und
ihr Weltbild wie ihre Auswüchse der institutionellen Blindheit zu bezichtigen.
 
Esoterik als Denkform
Nun ist es ja nicht so, dass »Wissenschaft« und »Esoterik« tatsächlich zwei so monolithische
Blöcke darstellten, wie es in der geschilderten Auseinandersetzung so manches Mal den
Anschein hat. Statt nun die Unterschiede innerhalb der beiden dominanten Denksysteme
herauszuarbeiten, möchte ich auf die sie charakterisierenden Elemente hinweisen. Was verbindet
alle esoterischen Strömungen? Und was macht aus Psychologie, Quantenmechanik und
mittelalterlicher Geschichte »Wissenschaft«?
Der französische Esoterikforscher Antoine Faivre stellt in seinem Vorwort zur »Geheimen
Geschichte des abendländischen Denkens« fest: »Die Esoterik stellt nicht einmal ein
eigentliches Gebiet dar, so wie man etwa vom Gebiet der Malerei, der Philosophie oder gar der
Chemie sprechen kann. Sie ist weit weniger ein spezifisches Genre als vielmehr eine Denkform
[...].« Er schließt eine Beschränkung der Esoterik auf den Topos »Geheimlehre«, die wenigen
Eingeweihten vorbehalten ist, ebenso aus wie die Bestimmung der Esoterik als »spirituellen
Raum« bzw. »den Weg dorthin«. Zudem sei die Esoterik, wie wir sie kennen, eine durchaus
abendländische Tradition; so ist es ihm »noch immer ein Rätsel, was eine weltweite Esoterik
denn sein könne.«
Diese Definition der Esoterik als eine Denkform, die in der Praxis die unterschiedlichsten,
teilweise widersprüchlichen Ausformungen annehmen kann, erleichtert den Einstieg in das
Verständnis ihrer Auseinandersetzung mit den sogenannten akademischen Wissenschaften.
Thorwald Dethlefsen, einer der bekanntesten Esoteriker Deutschlands, stellt seinem 1979
erschienenen Werk »Schicksal als Chance«, das den Leser »in das Weltbild der Esoterik
einführen soll«, ein Kapitel mit dem programmatischen Titel »Esoterik – die unwissenschaftliche
Art, die Wirklichkeit zu betrachten« voran.
Nach einer wertneutralen Definition der Wissenschaft über ihr Ziel, »die Wirklichkeit gedanklich
zu durchdringen und durch das Auffinden von Gesetzen eine Ordnung in die Vielfalt der
Erscheinungsformen zu bringen«, charakterisiert er ihre Vorgehensweise als das Aufstellen und
Widerlegen von Theorien. Die daraus abgeleitete pointierte Feststellung, dass »die Wahrheit von
heute der Irrtum von morgen« sei, wird zum Ausgangspunkt der Dethlefsen’schen Kritik: So sei
es trotz der allgemein praktizierten Gewohnheit, nach der jede Generation von Wissenschaftlern
an der Widerlegung der Erkenntnisse der ihr vorangegangenen Generationen arbeite, eine »tiefe
Überzeugung« der Wissenschaft, »jetzt die absolute und endgültige Wahrheit gefunden zu
haben«. »In diesem Punkt«, so das Urteil des Autors, »übertrifft die Glaubensstärke der
Wissenschaft mit Leichtigkeit jede religiöse Sekte«.
 
Wissenschaft, Religion der Moderne?
Der Hang der Wissenschaft, sich stetig selbst zu widerlegen, kann durchaus als
charakteristisches Merkmal aller Natur- und Geisteswissenschaften verstanden werden. Laut
Brockhaus ist Wissenschaft in erster Linie »eine systematische Ordnung des gesammelten
Wissens und empirischer Erkenntnisse, Theorienbildung auf Basis aufgestellter Hypothesen und
praxisnaher Überprüfung (Beweis)«. Ihre Theorien müssen demnach »bestimmte Kriterien der
Verifikation (Überprüfung) bestehen, um in der wissenschaftlichen Gemeinde anerkannt zu
werden. Ferner ist Wissenschaft eine umfassende Aneignung des Wissens zum Zweck der
Analyse unerforschter Sachverhalte und daraus resultierender Erkenntnisse sowie der
Vermittlung des Wissens auf einem bestimmten Gebiet«. Als Angehöriger eines Berufsfelds,
das notwendigerweise über einen ausgeprägten Skeptizismus verfügt, stellt religiöses oder
esoterisches »Offenbarungswissen« für viele Wissenschaftler ein rotes Tuch dar. Wer behauptet,
Wissen über die Welt und ihre Einzelteile zu besitzen, ohne diese nach wissenschaftlichen
Kriterien »beweisen« zu können, gilt vielen als Scharlatan und im Extremfall als gefährlich für
die »Psychohygiene« der gesamten ihn umgebenden Gesellschaft.
Hier scheint mir auf das Kernproblem des Dialogs zwischen Esoterik und Wissenschaft zu
liegen. Beide »Denkformen« betrachten die jeweils andere Seite als eine durch ihre eigene
Tätigkeit relativierte Weltanschauung. Nur durch religiöse Verblendung scheint es möglich, dass
die eine wie die andere Seite überhaupt Anhänger finden kann, ohne ihre eigene Welt-
anschauung zu hinterfragen. Insofern werfen sich beide Seiten gleichermaßen vor, Ideologien zu
sein; und wie Ideologien bekämpfen sie sich. Nicht Wissen, sondern der Glaube an ihre
Grundsätze bestimme die Methodik wie die Ergebnisse der jeweiligen Konkurrenz.
Dass eine solche Einstellung für die Aufnahme eines wie auch immer gearteten Dialogs nicht
wirklich dienlich ist, liegt auf der Hand. So ist es kein Wunder, wenn die Fronten zwischen
Wissenschaft und Esoterik zementiert, und Kongresse wie Messen der jeweiligen »Gegner« mit
Argwohn betrachtet werden. Die Kritik bewegt sich hierbei in einem Spektrum von bloßer
Verharmlosung bis hin zur Kriminalisierung der entgegengesetzten Ideologie. Beispielhaft sei auf
den immer wieder postulierten Zusammenhang zwischen esoterischen Grundsätzen und dem
politischen Konzept des Faschismus hingewiesen, der letztlich in der These kulminiert, dass
»die weiter wachsende massenweise Verbreitung des New Age eine heutige neofaschistische
‚Ansprache’ [...] in einer Weise begünstigt, wie es seit dem moralischen Niedergang des
Faschismus aufgrund seiner Abscheu erregenden Verbrechen nicht der Fall gewesen ist.«
(P. Kratz, »Alles schon mal dagewesen!« 10 Thesen zu New Age und Faschismus)
Trotz der hier skizzierten gegenseitigen Ablehnung kam es in den letzten 150 Jahren immer
wieder zu einer durchaus konstruktiven Auseinandersetzung zwischen esoterischen und
wissenschaftlichen Autoren. Auf der einen Seite waren es Esoteriker, die wissenschaftliche
Erkenntnisse in ihre Lehren und Vorstellungen integrieren wollten (man denke bloß an den
eingangs zitierten Fritjof Capra und seinen Versuch, östliches Gedankengut mit westlicher
Physik zu vereinen), und auf der anderen Seite Wissenschaftler, die übernatürliche Phänomene
(und ihre Anziehungskraft auf Menschen) zum Gegenstand ihrer Untersuchung machten.
Letztere waren nicht selten »glaubende« Wissenschaftler, die daran interessiert waren, ihre
Glaubensgegenstände wissenschaftlich zu »beweisen«. Das Gros der Akademiker bestand
jedoch zumeist aus Forschern, die sich für bestimmte Phänomene interessierten und diese
untersuchten, um zu einer Theorie zu gelangen, die das für einen rationalistisch gesinnten
Menschen Unerklärliche verständlich macht – oder schlicht widerlegt.
Das weltanschauliche Gegenstück zu diesen »esoterischen Wissenschaftlern« stellen die
»wissenschaftlichen Esoteriker« dar, die versuchen, die eigenen Lehren mit Termini und
Erkenntnissen der (Populär)wissenschaft zu schmücken oder gar zu begründen. »Der Schamane
mit Psychologiedoktorat gibt den Ton an, auch der Physikprofessor mit einer Schwäche für Tao
 Allemal muss, bei der Beschäftigung mit dem Außerirdischen oder Unterirdischen, ein
wissenschaftlicher Kommentar mitgeliefert werden, aus der Astronomie oder Tiefenpsychologie.
Das geht deshalb ganz gut, weil manche Gemächer des heutigen wissenschaftlichen Gebäudes
recht spärlich beleuchtet sind«. (A. Holl, Wassermannzeit) Dieser »wissenschaftliche« Zierrat
verrät natürlich vor allem eins: Wissenschaft oder das, was man dafür hält, ist längst selbst zu
einer Religion geworden. Wer früher dem Priester glaubte, ohne zu verstehen, wovon dieser
redete, nickt heute vertrauensvoll den Akademiker ab, der es im Zweifelsfall besser wissen muss.
 
Die Geburt der Wissenschaft
Doch die Wurzeln des modern anmutenden Gegensatzes »Esoterik versus Wissenschaft« sind
bei weitem nicht so jung wie angenommen und reichen statt dessen tief in den Brunnen der
Geschichte hinab. Seine Ursprünge liegen in der Entstehungszeit der ersten kritischen und
vernunftbetonten Wissenschaften im Griechenland des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Während
die religiöse (und die damit eng verwandte esoterische) Denkweise seit jeher das Bild des
Menschen von der Welt bestimmt hatte, entstand zu dieser Zeit eine völlig neue und in großem
Umfang von den alten Traditionen unabhängige Lehre von der Wirklichkeit, welche erst viel später
den Namen »Wissenschaft« erhalten sollte.
Wo liegen die Ursachen für die Entstehung einer von der religiösen Sinnfrage befreiten
Erforschung der Welt und welche Vorraussetzungen mussten erfüllt sein, um die Emanzipation
einer so jungen Bewegung wie der Natur- und der Geisteswissenschaft zu gewährleisten?
Friedrich Pfister, ein klassischer Philologe, beschrieb die Situation zum Zeitpunkt ihrer
Entstehung folgendermaßen: »Es hatte sich eine Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen
gehäuft; es waren die geistigen Bestrebungen entstanden, die zum wissenschaftlichen Forschen
führten, die Kritik an der Überlieferung, der Drang nach Ordnung und Systematik und das
Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge. Es war aber auch der große
umfassende Fragenbereich aufgetaucht, der seitdem immer wieder die denkende und
forschende Menschheit beschäftigen sollte: Woraus ist das Weltall entstanden und wie hat es
sich entwickelt? Wie ist die Menschheit entstanden und wie ist ihre Geschichte? Wenn jene
wissenschaftlichen Bestrebungen erstarkten und sich auch in der Einzelforschung bewährten
und wenn man den Mythos überwand, so war eine wirkliche Wissenschaft gegeben [...]«.

Ignorante Pharaonen
Diesem Ursachenmodell mag entgegengehalten werden, dass viele seiner Bestandteile
keineswegs dazu führen müssen, Erkenntnisgewinn zu rationalisieren, wie wir an etlichen
vorwissenschaftlichen Gesellschaften beobachten können. Im Alten Ägypten zum Beispiel war
eine »Fülle von Kenntnissen und Einzelwissen gehäuft« und es bestand ohne Zweifel ein
ausgeprägter »Drang nach Ordnung und Systematik«; auch die Entstehung von Fragen nach
dem Ursprung und der Geschichte der Welt bzw. ihrer Bewohner ist ein uralter Topos innerhalb
der ägyptischen religiösen Literatur. Was aber »fehlte« den Ägyptern, was verhinderte einen
Paradigmenwechsel in der Methodik ihres Erkenntnisgewinns?
Als zentrale Knackpunkte erscheinen mir die von Pfister genannte »Kritik an der Überlieferung«,
welche selbst freilich nicht Ursache, sondern Folge einer gewissen geistigen Wende ist, und das
»Streben nach Erkenntnis der kausalen Zusammenhänge«. Beide waren in einem Kulturbereich
wie dem ägyptischen nicht besonders ausgeprägt. Die ausgesprochen konservative Haltung der
ägyptischen Intellektuellen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Heil in der Bewahrung des
überlieferten Wissens sah, und das assoziative, mythische Denken verhinderten letztlich eine
 tiefgreifende Öffnung ihrer Geisteskultur für strukturelle Veränderungen. Exemplarisch für
Hunderte ähnlicher Texte seien hier ein paar Zeilen aus der Lehre für den König Merikare zitiert:
»Ahme deinen Vätern und deinen Vorvätern nach. Erfolgreich arbeiten kann man nur in der
Tradition: ihre Ausführungen sind ja in den Büchern erhalten. Schlage sie auf und lies und eifere
den Weisen nach!«
Charakteristisch für das ägyptische Denken ist seine gegenständliche Erfassung der Wirklich-
keit, die – ähnlich der ägyptischen Hieroglyphenschrift – stets eine Mischung aus
bildhaft-wörtlichen und symbolhaft-abstrakten Elementen enthält. Der Ägyptologe Eberhart Otto
schreibt hierzu in seinem Werk »Wesen und Wandel der ägyptischen Kultur«: »Wir wissen dann
freilich im einzelnen nicht immer, wieweit er diese Bilder sinnhaft für Wirklichkeit nahm, wieweit
sie als Symbol für etwas anderes standen und wieweit sie nicht oft einfach zu sprachlichen
Bildern geworden sind, die ihre greifbare Bildlichkeit längst eingebüßt hatten.«
Bildhaftes Denken muss – wie in Ägypten – nicht zwangsläufig einen Widerspruch zur geistigen
Fähigkeit der Abstraktion bilden, welche letztlich die Ursache für wissenschaftliches Arbeiten ist.
Viel eher geht ja das analoge ebenso wie das logische Denken von Zusammenhängen zwischen
augenscheinlich unabhängigen Phänomenen aus, »um so zu allgemeinen Begriffen und Gesetzen
zu kommen«. Dennoch muss es einen Grund haben, warum die Wissenschaft, wie wir sie heute
kennen, ihren Anfang eben nicht im ägyptischen, sondern im griechischen Kulturkreis
genommen hat. Otto sieht die Ursachen dafür weniger an den »tatsächlichen Leistungen« als an
den »Zielen« der ägyptischen Wissenschaft. Er stellt fest: »Was dem Ägypter offenbar generell
ermangelte, war die wissenschaftliche Neugier, das Bedürfnis Neuland zu entdecken, der Trieb
vom Erkannten zum Unbekannten weiterzuschreiten, kurz das, was dann wohl erst die
griechisch-ionische Wissenschaft in Fluss gebracht hat. Der Ägypter begnügte sich offenbar,
wenn er eine Lösung gefunden hatte, die seine praktischen Zwecke erfüllte, und er hielt dann
mit beachtlicher Hartnäckigkeit an ihr fest. Es ging ihm nicht darum, die Welt als Ganzes
erklären zu wollen. Es genügte offenbar, für ihre Teilerscheinungen praktische Erklärungen zu
finden; doch sollte man ihm deshalb nicht die intellektuellen Voraussetzungen für
wissenschaftliches und logisches Denken generell absprechen«.
Das Verhältnis des Ägypters zu seiner Welt war – und blieb – ein magisches. Innerhalb eines
solchen Modells wird dem analogen Denken (als dem »natürlichen«, »ursprünglichen«) eine
ungemein größere Stellung eingeräumt als dem logischen. Selbst im Kontext wissenschaftlicher
Forschung – wie der hoch gelobten ägyptischen Medizin – erlangt das kausale Denken allenfalls
eine gleichberechtigte, niemals jedoch eine dem analogen Prinzip übergeordnete Stellung. So
formte das Wissen um die geistigen Hintergründe eines Ereignisses, welches analog
erschlossen wurde, gemeinsam mit der Kenntnis seiner konkreten, also logisch erschließbaren
Ursachen ein unauflösliches Amalgam.

»Sympathie« statt Logik?
Insofern ist es verständlich und verwundert kaum, dass Ägypten heute unter Esoterikern ebenso
beliebt ist wie schon unter den Alchemisten und Okkultisten der vergangenen Jahrhunderte.
Zwischen dem »proto-wissenschaftlichen«, analogen Weltbild der Ägypter und dem Denken in
Entsprechungen, wie es seit der Hermetik jede Form von »Geheimlehre« bis hin zur modernen
Esoterik kennzeichnet, besteht eine wesensmäßige Verwandtschaft.
Der 2000 Jahre alte Satz »Wie oben, so unten« aus den hermetischen Schriften kann als
zentrales Bekenntnis der esoterischen Weltsicht überhaupt betrachtet werden. Ohne es wäre
weder die Astrologie, noch das Kartenlegen, noch die Vorzeichendeutung denkbar. Die Hermetik,
eine erst in griechischen Quellen fassbare Lehre, die sich selbst jedoch als ägyptisch betrachtet
und die nach ihrer zentralen Figur, dem Gott Hermes-Trismegistos benannt ist, war eine
Geheimlehre, die sich mit dem Aufstieg des Menschen – raus aus der grobstofflichen Welt, rein
in den lichten Himmel – beschäftigte. Bei dieser »esoterischen« (sprich: innere, also hinter den
äußeren Erscheinungsformen verborgenen) Lehre, die nie zur offiziellen Religion wurde, in der
Spätantike aber durchaus verbreitet war, handelt es sich sozusagen um die Mutter aller
esoterischen Strömungen. Sie behandelt einen auf das Lesen bestimmter Schriften
konzentrierten Erlösungsweg des Menschen bis hin zu seiner Erleuchtung. Ein Kernelement
bildet die sogenannte »Sympathie«-Lehre zwischen Makro- und Mikrokosmos, welche eine
Verwandtschaft von himmlischen und weltlichen Phänomenen annimmt (zumindest aber eine
zeitliche Koinzidenz). Statt, wie in der griechischen Wissenschaft, nach den realweltlichen
Ursachen eines bestimmten Problems zu forschen, sollte hier nach seinen gedanklichen und
spirituellen Ursachen gesucht werden. Überspitzt formuliert könnte man die beiden Ziel-
richtungen der Wissenschaft und der Esoterik also auf die menschlichen Grundfragen »Wie«
und »Wieso?« reduzieren. Das offenbart freilich, dass sich hier nicht notwendigerweise Feinde,
sondern vielleicht sogar potentielle Verbündete gegenüberstehen.

Publiziert in der Zeitschrift »Zukunftsblick«, Dezember 2009, 174-176.