nicolasflessa
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der gute ton
prolog im büro
(2005)
ist ihnen aufgefallen
dass sie seltener zu spät kommen
kann es sein
dass sie in nächster zeit gekündigt werden

und sie denken
dass sie es noch im griff haben
fast scheint es
als hielten sie sich für den herrn der lage

wie schade
dass sie so wenig realistisch sind

glauben sie
es beeindruckt ihren henker
wenn sie noch vor ihrer zeit
auf dem schafott erscheinen
dass er ihren kopf später rollen lässt oder sanfter
vielleicht nur partiell
so dass sie ihn später
mit hilfe eines befreundeten arztes
wieder ansetzen können

glauben sie wirklich
dass es sie beruflich überleben lässt
wenn sie proportional zu ihrer wachsenden angst
freundlicher werden zu dem mann
der sie verhungern läßt

sehen sie nicht
dass man in ihrer gegenwart
freundlicher lächelt
aber seltener lacht

ihr neues parfum
das den chef betören soll
kann den verwesungsgeruch doch nicht überdecken
der sich auf all jene legt
die ihre zukunft zu verlieren beginnen

glauben sie
dass es sie retten wird
wenn sie noch weniger fehler machen als zuvor
glauben sie denn
dass sie mehr fehler machen
als die blonden dinger mit den dicken titten
die sich im vierteljahresturnus
an ihrem schreibtisch vorbei
in die chefetage koitieren

sie tun mir leid
nicht unbändig
aber gerade in dem maße
in dem sie sich selbst demontierten
durch den umstand
dass sie nicht augenblicklich gekündigt haben
als man ihnen
mit einem telefonanruf
einen neuen aufgabenbereich übertrug

sie haben
ja klar
gar kein problem gesagt
als man ihnen
auf diese weise
die wertlosigkeit ihrer stelle demonstrierte
statt sich zu wehren
und auf ihre belastung hinzuweisen

sie waren stets die nette kollegin
wenn man für geschenke sammelte
waren sie großzügig
wenn man jemanden brauchte
zum bäcker zu gehen
sagten sie häufiger ja als andere

als man sie bat
ihren schreibtisch zu räumen
waren sie traurig
nach all den jahren
dann haben sie den glasreiniger besorgt
ihre spuren zu tilgen

ihr neuer platz liegt nicht mehr so zentral
er hat auch kein fenster mehr
doch man kann die türe schließen
das hat sie gefreut
bis sie bemerkten
dass sie der einzige sind
der sie öffnet und schließt

sie gehen gerne mit ihren kollegen essen
am anfang hat man sich für sie interessiert
man hat ihnen fragen gestellt
zu ihrer familie
zu ihrer letzten stelle
zu ihrer weltanschaaung
dann hat man sich an sie gewöhnt

in dem gleichen maße
in dem sie zu einem festen bestandsteil der firma geworden sind
haben die fragen abgenommen
und man hat sich wieder anderen themen zugewandt
neuen kollegen
oder
habt ihr schon gehört
was haltet ihr von
es ist doch eine schande

in letzter zeit beginnt man sie wieder zu fragen
um ihre meinung
um ihre pläne
sie lächeln
und sie freuen sich über die aufmerksamkeit
mit der man sie
frage um frage
isoliert

noch schreckt sie nichts
denn sie hoffen
auch als man ihre pflanze im urlaub plötzlich zu gießen vergißt
dass sie es noch im griff haben

fast scheint es
als hielten sie sich für den herrn der lage
wie schade
dass sie so wenig realistisch sind