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| Brei und Brühe Romanauszug (1998) |
„Haben Sie Dir heute gar kein
Graubrot mitgegeben?“ Die Stimme von Frau Josef hallte unverwechselbar durch den ohnehin nicht allzu lärmfreien Raum. „So geht das aber nicht!“ Augenblicklich sah ich von meiner momentanen Tätigkeit auf, die daraus bestand, die gebrauchten Termoskannen mit heißem Wasser auszuspülen. Das konnte ja heiter werden! Wenn Frau Josef schon in aller Herrgottsfrühe zu schimpfen begann, konnte man ihre gute Laune des restlichen Tages für gewöhnlich mit einer Pinzette abmessen. „Ja, was ist denn?“ fragte ich also obligatorisch, um den Grad ihrer Verärgerung herauszufinden. „Du hast mal wieder das Graubrot vergessen! Und Du weißt doch genau, daß wir heute abend kalt haben und unbedingt genug Brot für die Patienten brauchen!“ Sie war verärgert. Das stand zweifellos fest. Doch wie sollte ich sie nun davon abhalten, mir eine Auflistung all meiner Fehltaten der letzten drei Monate vorzubeten? Ich entschied mich für die Offensive. „Das war nicht mein Fehler, Frau Josef. Der Küchenchef hat mir verboten, zusätzliche Backwaren einzupacken.“ „Geh weiter! Verboten, was heißt schon verboten! Wir haben das bestellt und damit basta. Mach, daß Du runterkommst und noch etwas von dem Graubrot holst!“ Ich liebte die ausgesprochen diplomatische Art meiner Vorgesetzten, vor allem, wenn es darum ging, ihre Laufburschen in den erhöhten Gefahrenbereich der Großküche zu schicken. „Also gut, aber ich kann nicht versprechen, daß ich noch etwas bekomme!“ sagte ich und nahm die Schlüssel für den Lift aus dem Kasten neben der Tür. „Sie kennen ja die Köche.“ Damit war ich verschwunden. Auf dem Weg zum Lift dachte ich noch einmal über meinen eben erhaltenen Auftrag nach. Graubrot! Wie oft hatten wir Frau Josef schon zu sagen versucht, daß wir solches Brot in der Regel mit Schwarzbrot bezeichnen. Aber was war schon das Wort eines Zivis gegen das einer ausgestandenen Küchenfrau! Ich bog in den kleinen Raum mit den beiden Fahrstühlen ein und sah auf die Anzeigen ihrer derzeitigen Position. Der kleinere steckte vermutlich schon seit längerer Zeit im achten Stockwerk fest, während der Lastenaufzug, wie meistens, gerade belegt war. Ich konnte mich also auf eine längere Wartezeit einstellen. Müde ließ ich mich auf einem der herumstehenden Kartons nieder, um mir das Warten nicht unnötig zu erschweren. Wie oft hatte ich schon hier gestanden, die Beine von den langen Gängen müde und schwer, um einen besonders wichtigen Auftrag im Lager zu erledigen. Überhaupt schien der gesamte Betrieb nur aus äußerst wichtigen Aufträgen zu bestehen, deren absolute Priorität nicht selten an dem Aufeinandertreffen mehrerer äußerst wichtiger Aufträge zu scheitern pflegte. Das eigentliche Problem aber war, daß wir Zivis nicht nur die Mädchen für alles, sondern gleichzeitig auch für alle zu sein schienen. Auf diese Weise konnte es schon mal geschehen, daß man ohne böse Absicht zwei Vorgesetzte ziemlich wütend machte, obgleich man sich beim Erledigen eines dritten Auftrages gerade die Füße wund lief. „Ding!“ Der klingelnde Ton des Lastenaufzuges riß mich aus meinen Gedanken und erinnerte mich an meine derzeitige Mission. Eilig schloß ich die Türe des Fahrstuhls auf und drückte im Inneren den Knopf für das erste Untergeschoß. Während sich der Lift laut und rumpelnd in Bewegung setzte, dachte ich an meine erste Fahrt mit diesem eisernen Monstrum. Interessanterweise hatte es nämlich die Eigenschaft, jedesmal auf Höhe des neunten Stockwerkes ein etwa kreissägenähnliches Geräusch von sich zu geben, wenn es an der Wand des Schachtes entlangkratzte. Die ersten Male war ich in derartige Aufregung geraten, daß ich den Lift jedesmal mir klopfendem Herzen verlassen hatte und anschließend hoffte, ihn nie wieder benutzen zu müssen. „Kratz.“ Inzwischen hatte ich mich sogar daran gewöhnt. Im Kellergeschoß angekommen, öffnete ich die Türe und blickte in das Gesicht eines ziemlich ärgerlichen Müllmannes. „Das ist mein Lift!“ schnaubte er mir entgegen und unterstrich die Ernsthaftigkeit seiner These mit einer demonstrativen Geste und einem demonstrativ düster gefalteten Gesicht. Ich sah ihn mit meinem versöhnlichsten Lächeln an und verließ rasch den Fahrstuhl. Wer es sich mit den Müllmännern verspaßt, konnte bekanntlich in ernstzunehmende Schwierigkeiten geraten. Noch heute erzählte man sich die Geschichte von jener Schwester, die den Müllmann vor den Kopf gestoßen hatte und dieses Vergehen mit einem absoluten Müllstreik bezahlen mußte. Angeblich war der Abfall zu jener Zeit zu einem derartigen Problemberg angewachsen, daß die Klinikleitung besagte Schwester dazu zwingen mußte, sich vor dem versammelten Reinigungspersonal zu entschuldigen. Im gewölbeartigen Gang des Untergeschosses angekommen, sputete ich mich, meinen Auftrag so schnell wie möglich zu erfüllen. Also beschleunigte ich meinen Schritt und erreichte in weniger als einer Minute die Tür der etwas abseits gelegenen Hotelküche. „Hallo, da bin ich noch mal!“ sagte ich mutig, als ich die gefliesten Treppen erklommen hatte. Ein Blick in die vergnügt schweigende Runde verriet mir sofort, daß man wieder auf Zivifang war. So beschloß ich, mir ohne große Diskussion mein Brot zu greifen und den Ort der Versuchung so geschwind wie möglich zu verlassen. „Hey, Zivi!“ raunte es mir entgegen, als ich gerade wieder fliehen wollte. „Was soll denn das werden?!“ O.K., sie hatten es tatsächlich wieder darauf angelegt. „Wir brauchen noch ein Brot, daß heißt, bei der ersten Ladung war gar keines dabei!“ Ich war im Recht, ich hatte nichts zu befürchten. Denkste. „Was soll denn das heißen? Willst Du uns etwa sagen, daß wir Euch falsche Körbe packen?“ Ich sah den Koch trotzig an. „Nein, alles was ich damit sagen will, ist: wir brauchen noch ein Brot.“ Der Angesprochene sah sich nach seinen Kollegen um und lachte breit über das ganzes Gesicht. „Nun hast Du also zugegeben, daß Du noch ein Brot, also ein zweites holen willst.“ „Nein.“ „Was heißt. nein?“ „Ich wollte damit sagen: wir brauchen ein Schwarzbrot, so wie jeden Tag. Bei der ersten Lieferung war es nicht dabei.“ „Wir machen aber keine Fehler, Zivi.“ „Alexander,“ sagte ich herausfordernd und blickte ihm nun genau in die Augen. „Ich habe auch einen Namen.“ „Ach nee. So ein gescheiter Bursche!“ Mir wurde die Diskussion langsam zu einseitig, außerdem verriet mir ein Blick auf die Uhr die bereits fortgeschrittene Zeit. Also packte ich mein Brot und begab mich erneut Richtung Ausgang. „Ich muß dann jetzt gehen. Wir können uns ja später weiter unterhalten.“ Sprachlos blieb der eben noch so wortgewandte Koch stehen und glotzte mir blöd hinterher. Damit hatte er wohl nicht gerechnet, dachte ich mir und eilte grinsend die Treppen hinab. Normalerweise ließen wir uns weitaus länger trietzen. Oben in der Teeküche wurde ich bereits sehnlichst erwartet. „Wo warst Du denn so lange?“ Frau Josef, deren Wangen heute früh noch röter als sonst zu leuchten schienen, sah mich mit vorwurfsvollem Blick an. „Ich ersticke hier in Arbeit, es wird immer schlimmer. Ich weiß nicht mehr, wohin damit!“ „Der Fahrstuhl war besetzt.“ Ich hängte die Schlüssel wieder an ihren Platz und überreichte ihr das Brot. „Dafür habe ich ihnen ihr Brot besorgt – unter Einsatz meines Lebens!“ Frau Josef schien das wenig zu interessieren. Kein Wunder, so wie sie heute wieder gelaunt war. Vielleicht sollte ich mich ganz schnell an den Teewagen machen, um weiteren Anweisungen oder Klagen zu entgehen. Als ich gerade dabei war, die Kannen mit den Eiswürfeln zu entleeren und neu aufzufüllen, betrat mein Mit-Zivi, noch deutlich gut gelaunt, den Raum. „Guten Morgen, guten Morgen!“ rief er mir entgegen, noch bevor ich ein Wort der Begrüßung formulieren konnte. Wie geht´s, wie steht´s?“ Wenn Du die Wahrheit wissen willst: bescheuert. „Danke gut, und Dir?“ „Bestens, bestens, verehrter Kollege. Ich bin gestern abend noch etwas um die Häuser gezogen, und ich sage Dir: da waren ein paar total geile Bräute mit dabei.“ Aha. Das war mal wieder eines der interessantesten Themen, die ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen konnte. Um nicht unhöflich zu erscheinen, rasselte ich ein wenig mit der Termoskanne und ging hinter dem Wagen in die Knie. Während ich noch mit dem Durchsehen der halbvollen Teekannen beschäftigt war, fragte ich mich, warum ich ausgerechnet immer mit Joachim Dienst schieben mußte. Es war doch wirklich nicht zum Aushalten. Doch Joachim war längst schon wieder weitergezogen. „Und Frau Josef, wie geht es Ihnen heute?“ „Schlecht, ich bin im Streß.“ Endlich mal ein ehrliches Wort. „Ich habe viel zu viel zu tun.“ „Eile mit Weile, Frau Josef.“ zitierte Joachim und klopfte ihr brüderlich auf die Schulter. Ich wunderte mich, warum sie keine Gänsehaut davon bekam. „Ich geh dann mal weiter und sehe nach dem Leistenpatienten!“ „In Ordnung!“ konterte ich und sah ihm durch die geschlossene Türe nach. Er war mit Abstand der schleimigste Mensch, den ich je auf Gottes Erdboden kennengelernt hatte. Und wenn es eine Sache gab, die mich noch mehr als die unwirsche Art der Köche aufregte, so war es die aalglatte Art meines Mit-Zivis Joachim. Frau Josef hatte inzwischen Phase zwei ihrer morgendlichen Hektik erreicht. „Alex, hast Du mal schnell Zeit für mich?“ Ich sah auf die dreizehn noch ungefüllten Kannen vor mir und den ebenfalls nicht mehr allzu vollen Zucker. „Aber natürlich, Frau Josef.“ „Dann pack mir doch mal schnell die Wurst hier ein,“ sagte sie, und deutete auf ein Tablett mit aufgeschnittenen Scheiben. „Aber so, daß es appetitlich aussieht.“ Schnell machte ich mich an die Arbeit. Schließlich sollte Frau Josef nicht noch von außen unnötig unter Druck gesetzt werden. Wenn man sie erst einmal richtig kannte, so wußte man, daß sich Frau Josef ihren Streß in der Regel selbst machte. Abgesehen davon war sie wirklich ein gutmütiger Mensch. „Und das Brot da bitte auch!“ Ich sah mich um. In der Ecke lagen ungefähr hundert Scheiben der verschiedensten Brotsorten, die es mit Frischhaltefolie zu umwickeln galt. Aber ich hatte ja sonst nichts zu tun... Als ich gerade dabei war, die noch unberührten Weißbrotstücke in den Korb für die Schwestern zu legen, hörte ich, wie sich jemand an der Tür zu schaffen machte. Erst dachte ich, es handelte sich um einen verirrten Patienten, der sich aus unerfindlichen Gründen bereits um diese Uhrzeit auf Nahrungssuche begeben hatte. Ich sah nach Frau Josef, die allem Anschein nach nichts von dem Krach zu bemerken schien. „Frau Josef?“, sagte ich kleinlaut. „Ich glaube, da ist jemand an der Tür!“ Sie sah unwillig von ihrer Schneidemaschine auf. „Na und schon, wir haben jetzt zu tun! Sieh zu, daß Du voran kommst.“ Damit richtete sie ihren Blick wieder auf die Kalbfleischwurst. „Als ob der nicht warten könnte.“ Ich zuckte mit den Schultern und setzte meine Arbeit fort. Als sämtliche Brote inklusive Semmeln in die unzähligen Folien und Tüten verpackt waren, ging ich wieder zurück an die Thermoskannen-Sammlung. „Fenchel, Malve, Pfefferminz,“ zählte ich laut vor mich hin, „und dreimal Frucht und Kräutertee.“ Da klopfte es, diesmal schon mit gesteigerter Vehemenz, an die Küchentür. Ein Blick auf Frau Josef verriet mir, daß sie noch immer ganz versunken in ihre Arbeit war, und so wagte ich einen Blick hinter die Tür. Daß heißt: ich hätte ihn gewagt. Wenn nicht irgendetwas die Tür wie verplombt zugehalten hätte. Ich zog erneut, wieder ohne Erfolg, während das Klopfen an ihre Front langsam zu einem anhaltenden Pochen anwuchs. „Machen Sie endlich dieses gottverdammte Fenster zu!“ hörte ich Frau Amsel von draußen rufen. „Ich komm hier sonst nicht rein!“ Plötzlich war alles klar. Frau Josef, mitten in den Wechseljahren und von jenen berüchtigten Schweißwallungen geplagt, hatte mal wieder das Fenster sperrangelweit geöffnet und somit jeglichen Zutritt zu der Küche unmöglich gemacht. Rasch lief ich zu der gegenüberliegenden Glasfront und schloß die klaffende Öffnung. „Das wurde aber auch wirklich langsam Zeit!“ Frau Amsel, ohnehin nicht von allzu stattlichem Wuchs, stand mit zerzausten Haaren auf der Schwelle zur Küche und schüttelte energisch ihren purpurroten Kopf. „Welcher Idiot hat denn schon wieder das Fenster aufgerissen?“ Ich blickte zu dem Idioten hinüber, der in der Zwischenzeit noch immer ungetrübt seinen Fleischerfreuden frönte. Man mußte schon blind sein, um nicht zu bemerken, daß Frau Josef früher mal bei einem Metzger gearbeitet hatte. „Guten Morgen, Frau Kollegin!“ hörte ich Frau Amsels Stimme durch den Raum pfeifen. „Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag gestern.“ Die Ironie in ihrer Stimme war kaum zu überhören. „Jaja, guten Morgen auch.“ Frau Josef schien sie allerdings sehr wohl zu überhören. „Es geht so.“ Ich sah, wie Frau Amsel kopfschüttelnd ihren Arbeitsplatz bezog und sich, mit dem üblichen Engagement, in den Zettelwust der Essenspläne stürzte. Die Gunst der Stunde nutzend, packte ich einen Schwung Thermoskannen und verließ auf dem schnellsten Wege die Küche. Zum Glück war hier auf dem Flur um diese Zeit nur selten etwas los, und so konnte man ausgezeichnet ein bißchen Luft schnappen gehen. „Hallöchen, Alex.“ hörte ich plötzlich eine etwas spitz anmutende Stimme hinter mir erklingen. „Danke, daß Du mir gestern die Privatkarten auf den Schreibtisch gelegt hast.“ Ich drehte mich um und sah in die herausfordernden Augen von Schwester Birke. Das konnte ja heiter werden! Hatte ich die Karten nun besonders gewissenhaft erledigt oder sie am Ende gar vergessen? Bei Schwester Birke konnte man sich da nie ganz sicher sein. Also versuchte ich es mit Diplomatie. „Die Karten?“ „Ja, die Karten.“ Ihre Augen funkelten mich kampflustig an. „Du weißt schon ganz genau, von was ich spreche.“ Denkste! Dann ging es mir um einiges besser... „Habe ich die Karten etwa vergessen?“ Schwester Birke lachte laut. „Vergessen – ja, so könnte man das auch nennen, Du Schussel. Schraub Dir Deinen Kopf in Zukunft etwas fester an, oder Du läßt ihn eines Tages noch zu Hause liegen!“ Das war eindeutig. Wenigstens hatte ich auf die richtige Fährte gesetzt. „Tut mir leid.“ „Jaja.“ Sie gluckste. „Mir auch. Ich muß sie dann schließlich für Euch nachschreiben.“ Und damit zog sie erhobenen Hauptes von dannen. Langsam begann ich zu wünschen, ich wäre heute morgen mit eitrigen Pusteln im Gesicht aufgewacht oder hätte zumindest verschlafen. Das war eindeutig nicht mein Tag, heute. Wenigstens hatte ich bald alle zur Verfügung stehenden Fettnäpfchen durch, um mich für den Rest des Tages in absoluter Sicherheit zu wiegen. Also ging ich zurück in die Küche, um mich den noch ausstehenden Zuckerdosen zu widmen. Daß heißt: ich wäre zurück in die Küche gegangen, wenn da nicht irgendetwas die Tür wie verplombt zugehalten hätte... |
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