nicolasflessa
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06-06-06
berlin
wird man verstehen · was ich schreibe · wird man es lesen · obwohl man es nicht versteht ·
obwohl es für den kopf nicht zugänglich ist · nicht gemeint ist · für den malstrom zwischen
neuronen und synapsen · wird man es trotzdem · wort für wort · über sich geschehen lassen ·
wie es streichelt und sticht · wie es sich über den rhythmus · ton für ton · klang für klang · dem
inneren ohr erschließt · weil es ins blut übergeht · weil es keinen umweg nimmt · auf dem weg
zum herzen · und weil es nicht eher loslässt · ehe es geliebt oder gehasst · vom streifenden
augen absorbiert worden ist · weißt du nicht · dass deine blicke meine worte reflektieren · und
dass es keine auszeit gibt · zwischen deinem entdecken und ihrem lebendig werden · weiß du
nicht · dass du sie nicht ungeschehen werden lassen kannst · hast du sie erst einmal berührt ·
hast du sie erst einmal wie deine geliebte · deinen geliebten auf der netzhaut gespürt · sie
bleiben dir nicht fern · ob du sie verstehst oder nicht · sie greifen dich mit fingerspitzen an · und
implantieren dir gefühl · ob liebe oder hass · behandle sie · wie freunde es verdienen · die dich
besuchen · dann und wann · und bleiben sie auch zu lang · du wirst sie brauchen · dann und
wann · und wenn du sie längst schon vergessen haben wirst · sie sind ein teil von dir ·ob du
verstehst · was ich schreibe · ob du liest · obwohl du es nicht verstehst · ich sage dir ja · auch
wenn ich zittere · auch wenn meine sicherheit gelogen ist · du wirst nicht an ihnen vorbei können
· so fragmentiert sie auch sind · so spröde sie dir erscheinen · sie sind doch ganz und gar  · die
worte unter deiner haut
07-07-07
erfurt
erfurt, erster eindruck, erster tag. die bausubstanz ist fast intakt, der bummel durch die altstadt
findet jenseits der zeit, jenseits der großen kriege statt. im gehen durch die nächliche stadt
stoße ich auf impressionistische, barocke und biedermeiergemälde. hier stehen sie noch, hier
sind sie, ihren engen rahmen entschüpft, greifbar, begeh- und verstehbar. auf den schwarzen,
nachtgerußten stufen des doms sitze ich zwischen gnomen, hexen und krämern, und auf dem
sockel des obelisks meine ich den glöckner und einen nachtwächter auszumachen.
das nächtliche erfurt, ein undatierbares bild mit kirchberg, fachwerk und ziellosen tauben. ziellos
auch ich, wie an jedem ersten tag, und dieses atemlose, süchtige treiben durch straßen, gassen
und häuserfluchten, mit offenen augen und festgefrorenem staunen. wohl gefühlt, wohl wie in fast
jeder stadt, wenn sie erwacht, weil ihre bewohner geflohen sind und auf dem weg in clubs, bars
und betten ihren straßen verloren gegangen sind.
08-07-07
erfurt
jetzt, einen tag später, am kanal oder dem fluß der stadt, cafebesuch zum atmen der füße und
entspannen. ich bin auf der suche nach gesichtern und geschichten, diesmal auf auftrag. arische
familien und verbrechervisagen, hochnäsige jungs und hübsche frauen. eine leichte sache, habe
ich gedacht, bevor ich die stadt am schlafen und ihre bewohner am flanieren angetroffen habe.
erfurt ist schöner als seine bewohner, ihr hübsches gesicht verrät die lachfalten nicht, die sie des
tags bevölkern. ich bin verwundert. die ländlichen, die breiten, die rosa und weißen häute haben
nichts mit den menschen gemein, die man hinter diesen fassaden zunächst vermutet. oder
doch? oder gerade? meine suche, die sich auf städtische, kleinbürgerliche typen konzentriert,
muss erfolglos bleiben in anbetracht einer bevölkerung, die von einfachem, schlichtem und
dörflichem vereinnahmt scheint. deutsch ist sie, diese hauptstadt im osten der republik. aber
deutsch, das ist physiognomisch nicht immer von vorteil, herr hitler. bei näherer betrachtung
wünschte ich mir slawen, türken und schwarze in dieser stadt, und rege rassenschande.
09-07-07
erfurt
ein tag unterwegs, in dieser schönen kleinen stadt, menschen angesprochen, ruhm versprochen,
eis gegessen. sommerliche nachmittagssonne auf dem domplatz, der wind, der hier immer etwas
von küste hat, die unstillbare sehnsucht nach dem meer in mir weckt. dieser unglaubliche
kirchenbau. düster und stolz der stadt abgewandt, thront er stoisch über dem knallbunten
geschehen eines kinderfernsehsender- geburtstagsfests, das in unregelmäßigen abständen
partymusik und überraschungsrufe über den domplatz keucht. zwei rote strohhüte schlecken eis
aus einer waffel: eine mutter, schwarzes gelocktes haar auf der schulter und zigeunerrock, gibt
ihrer tochter zu naschen. ein kleiner blonder junge stellt sich vor mich hin und sieht mir beim
schreiben zu, so wie andere in seinem alter die augen auf computerspiele heften. wir lächeln uns
an, aus dem partylautsprecher schallt jetzt klaviermusik. die sonne lässt uns alle blinzeln. selbst
der obelisk sticht düster eine wolke auf: alles, was aus stein ist an diesem platz, hat etwas
mittelalterliches an sich, das die kmalligen farben der fachwerkhäuser und der kleider karrikiert.
der kellner beantwortet meine frage nach der getränkeauswahl, endlich an meinem tisch
gestrandet, mit einem energischen nein, nein, nein was er noch mit seinem gesichtsausdruck
und leicht zugekniffenen augen zu bestärken versucht. seiner trotzigen haltung zum trotz bestelle
ich die karte und anschließend, aus reiner neugier, einen zitronensaft natur. trinken die thüringer
tatsächlich ausgepresste zitrone? der kleine blonde junge, der nicht schauspielern mag, fordert
laut quengelnd den heimweg ein. das erste kopftuch des tages passiert das café und erinnert
mich daran, wie ausländerfrei diese stadt erscheint. der zitronensaft ist gekommen, in nehme
einen schluck: und augenblicklich verkleinert sich die oberfläche meines gesichts um die hälte.
es ist tatsächlich reine zitrone, ungesüßt. hart im nehmen, diese erfurter.
10-07-07
erfurt
gerade aus dem shakespearestück „der sturm“ in der barfüßerruine heraus. schön gemacht, ein
typischer shakespeare: unterhaltsam, leicht zu verdauen, viel anlaß zum schmunzeln und lachen
– wird die dahinter liegende botschaft des stücks nur ausreichend eindimensional mit komik
überschminkt.
das spiel war faszinierend durch die doppelbesetzungen, aber wirklich als „groß“ kann man es
nicht bezeichnen. das mag aber auch an der heiterkeit liegen, welche zwar schwer zu erzeugen
ist, mich aber im herzen nur selten erreicht – solange sie keine abgründe durchschimmern lässt
 und die abgründe hat dieser sturm geflissentlich an die oberfläche verträllert...
es beginnt zu regnen. passanten mit schirmen flanieren die gasse hinunter. während ich auf
meine pizza warte. es riecht nach dem trockenen, frisch angefeuchteten boden antiker ruinen –
und jetzt nach pizza margarita.
an dieser stelle beginnt der kellner, indem er auf tische und stühle springt, die mit klettband
verbundenen schirme über unseren köpfen voneinander zu trennen, diese kellner, der aus neapel
stammt wie prosperos schwiegersohn, noch dazu ein skorpion. das tangotanzende paar von
gegenüber hat seine musik abgestellt und löscht die eigens aufgerichteten kerzen. meine lust zu
schreiben quillt unversiegt durch meinen körper ans freie.
in dieser stadt liegen sie schönen anblicke auf den kopfsteinpflastern. selbst die menschen, ihre
vor ein paar tagen so gescholtenen bewohner, scheinen schöner zu werden, flutet der mond die
kulissen.
11-07-07
erfurt
nachts in einem thüringer wirtshaus. hier scheint die welt noch in der viel gemahnten, nie
erreichten ordnung zu sein. der wirt verabschiedet die gäste, die er dutzt, mit handschlag. eine
überschaubare anzahl von tischen, dunkles holz, ein kleiner tresen, dank obi in eigenregie
errichtbar und geschraubt.

der städter bricht in die idylle ein und zieht augenblicklich alle augenblicke auf sich. und nun, um
seine anwesenheit und sein aussehen in eine noch unterhaltsamere exotik zu steigern, packt er
auch noch einen kleinen weißen computer aus, auf dem er unablässig fingerflug betreibt. das
interesese verebbt, als ich die ersten zeilen geschrieben habe, und mit einem herzlichen „laß dir
schmecken“ wird mir plötzlich mein nachmahl serviert: würzfleisch mit toast und zitrone. ich
koste und verbrenne mir augenblicklich zunge, lippen und rachen.

alle männer in der wirtschaft tragen hemden, die ordentlich in den begürtelten stoffhosen stecken.
die frauen, ohnehin in der minderzahl, haben ebenfalls die hosen an, wahlweise von polohemd
oder bluse kompletiert. abgesehen vom saften thüringer dialekt erinnert mich die szenerie an
vergleichbare plätze in franken, in österreich oder im elsaß.
deutsche gemütlichkeit, und ich entwurzelter besichtige sie wie ein pferd.
13-02-08
kairo
hundegebell. leise an- und abschwellender motorenlärm. wasser, das träge entlangfließt, nur
sichtbar durch den aufprall eines fisches oder eines blatts im licht des schüsselförmigen
halbmonds. ab und an metallgeschepper, ein bus, ein pkw. der hund, der aufhört sich zu
beschweren, ein anderer, der die stille nicht erträgt und für ihn weiterbellt. noch ruft kein
muhezzin, ich habe noch zwei stunden. ich weiß nicht, ob ich erwachen werde wie letzte nacht,
als es wieder neu war für mich, unerhört, exotisch, vergessen. die türme, die ich vom flugzeug
aus wie grüne stacheln in den himmel beißen sah, waren so friedlich, waren so fern. ich dichtete
und lehnte mich in meinem kunstledersessel zurück, die deutsche tageszeitung fiel mir vom
schoß auf die schuhe. ich bückte mich nicht. ich schloss die augen, spürte, wie man mich
ansah, ahnte die augen des kleinen mädchens vom vordersitz, die sich an den schultern ihrer
mutter vorbei auf erkundungstour befanden. ich lächelte. so wie jetzt, doch ich fror nicht, denn
kairo anfang februar ist kälter als ein passagierflugzeug.
gestern nacht habe ich mir eine decke geholt. ich habe sie über das laken geworfen, eines der
vier, die ich verwendete zum schutz gegen den dreck und die schweißränder auf der matratze.
ich habe mich auf das kopfkissen zurückgelehnt, dessen ursprüngliche reinheit kaum unter den
rückständen diverser körperflüssigkeiten zu erahnen war, und habe versucht, zu träumen.

es ist mir geglückt. es ist mir so gut gelungen, in die träume zu finden, dass ich auch am
nächsten tag, dem heutigen, kaum weniger, kaum mehr erlebte, spürte und empfand als in
diesen paar stunden zwischen morgen und mittag meiner ersten neuen ägyptischen nacht. ich
habe das geschrei der händler, das gehupe der fahrer, das lächeln der frauen, die blicke der
männer, ich habe sie alle nicht mehr wahrgenommen als das, was ich in ihnen sah, was ich in
ihnen sehen konnte, tapeten meiner versuche, anzukommen in einem orient, der mir fremd
geworden war im augenblick meiner landung. mein ägypten. mein kairo.

das hundegebäll lässt nach, ich sinke tiefer in mein kissen, bin geduscht. der schmutz, der
dreck von kairo findet seinen weg in meine lungen. es ist sinnlos, die tastatur des computers
abzukleben, die bücher zu verschweißen, die zahnbürste zurück in ihre hülle zu legen. kairo
dringt ein wie ein geruch. es wird nicht betreten, es betritt den, der sich ihm nähert, und setzt
sich in ihm fest.
15-02-08
alexandria
auf dem weg nach alexandria. per zufall, per unfall komme ich dieses mal in meine stadt. der
bus nach siwa erwies sich als auf abfahrten am mittwoch beschränkt. und so strande ich dort,
wohin ich schon lange gehöre, das erste mal mit dem wunsch nach schneller weiterfahrt und
abreise. wir stehen vor einer straßensperre, der bus ist kaum besetzt. ich höre agnetas neue
platte und fühle diese enorme erleichterung, die mir ägypten jedes mal schenkt, wenn ich auf
mich selbst gestellt bin. kemet bleibt eine mythische landschaft für mich. vieles in diesem land
ist so pragmatisch, neben dem islam ist es zutiefst kapitalistisch geprägt, nicht durch reichtum
wie europa, sondern durch den mangel von geld. vielleicht ist es dieser gegensatz, der mich so
lebendig macht. korinthische säulen verraten die einfahrt ins stadtgebiet von alexandria. wir
passieren kontrollposten, mauern, palmen und straßenlaternen. und immer wieder taubentürme
und minarette, die die schweren wolken kratzen. frauen auf der ladefläche eines geländewagens,
inmitten frisch geflochtener körbe. die fußball spielenden kinder, der müll. seit meinem gedicht
hat sich nicht viel verändert, höchstens ich. und doch fallen mir dieselben dinge ins auge,
gefallen und missfallen mir wie 2002. eine ziegenherde grast neben einer tankstellen im üppigen
grün, bewacht von einem nüsse kauenden hirten oberägyptischer herkunft. hinter eriner säule
brennenden mülls taucht der maroitis-see auf. wind zerzaust die kopftücher der mädchen am
straßenrand. wasser, überall wasser. pfützen, kanäle, seen. rot, blau und ocker vom schlamm.
mein bus mit der nummer 66 setzt zur landung an und ich lehne mich zurück.
Eine knappe halbe Stunde später sitze ich im Delices an der Corniche von Alexandria und
schlemme Kuchen und heiße Schokolade. Mein Anschlussbus geht in 6 Stunden. Angesichts
des dreckigen, pfützenübersähten und von Yes, Mister und Taxi, You want Taxi-Kojoten
heimgesuchten Busbahnhofs in einer staubigen Satellitenstadt habe ich mich dazu
durchgerungen, meine Wartezeit im Angesicht des Meeres zu verbringen. Der Midan Saad
Zogloul
bietet bei meiner Ankunft jedoch einen erbärmlichen Anblick. Das Grün der Rasenflächen
ist komplett verdorben bzw. zerstört, die Straßen sind aufgerissen, von Furchen, Löchen und
Dreck übersäht, Ziegelsteine und Betonbrocken erschweren den ohnehin nicht leichten Verkehr
in einer ägyptischen Stadt. Alexandria sieht, mit einem Wort zusammengefasst, bemitleidens-
wert aus. Der Kuchen aber schmeckt fantastisch. Gebrannte Mandeln und Blicke in meinem
Rücken, als sei mein Laptop, zumindest aber ein Macbook, das erste Mal an diesem Ort zu
Gast. Baugeräste umgeben die alte Zentralbank und zwei Jungen, eigentlich noch Kinder,
schleppen Platten und Zement zur Ausbesserung des Gehwegs. Die Stadt liegt brach und
hässlich da, um sich schön zu machen für einen weiteren, glanzvollen Sommer.
Mein Gepäck verhindert die freie Bewegung in der Stadt, obwohl ich so Lust darauf hätte.
Vielleicht ziehe ich weiter in ein Cafe, ein Hotel mit Steckdose, und schreibe. Die Bibliothek, die
ich im Vorbeifahren begrüßt habe, ist zu weit, nicht aber das Cecil.
im cecil schließe ich den kurzen ausflug nach alexandria ab. ein kurzer besuch in der einzigen
nennenswerten bücherstube der stadt, die auch fremdsprachige literatur führt, habe ich einen
möglichen erwerbszweig gefunden: ein internationaler buchladen, der einer stätte wie alexandria
gerecht wird. wir werden sehen. mein bus geht in einer stunde, ich mache mich auf den weg
zurück in die suburbs, werde versuchen, im bus etwas zu schlafen – trotz geschaukel,
klimaanlage und übersteuerten ägyptischen filmen und gebeten. inscha-allah!
16-02-08
siwa
ankunft in siwa noch vor dem morgengrauen. eine nacht in bussen und an haltestellen, schlafende
saidis auf meiner schulter, zerbrochene, notdürftig überklebte fensterscheiben. die gesänge, die
musik. allah und habibi wiegen und reißen aus dem schlaf in verheerend undurchschaubaren
rhythmen.

der erste tag ein halbtag. schlaf bis in den späten nachmittag, etwas arbeit am mac bis zur
dunkelheit. tee, essen, respiro auf italienisch im grabungskino, ein gutenachtkaffee, selbstgebraut
in noch fremder, von ägyptern organisierter küche. die nacht über siwa, weiß-geflecktes schwarz
über weiß geflecktem schwarz, ohne naht, in dunkelheit vereinte liebe zwischen geb und nut.
nur die bauscheinweifer, auf den berg gerichtet, reißen zacken in ihre allnächtliche umarmung.
respiro. ich atme. ich stehe auf dem dach des hauses und atme. mehr braucht es nicht, um zu
verstehen. in ewiger, in ewig gleicher, vom menschen berührter, aber nicht entstellter natur befällt
einen, was manager in kursen zur effizienzsteigerung erst mühsam rekonstruieren müssen: die
fähigkeit zu sein – ohne sich aufregen, zu entstellen, behaupten zu müssen.

die auflösung der komplexität. die rückführung ins essentielle. nach einer stadt, die ihre besucher
atmet, eine oase, die sich atmen lässt, die um sich wirft mit luft. die nicht zu geizen braucht,
weil sie nicht will.

ich weiß nicht, was mich erwartet, doch es interessiert mich nicht. die gedanken lassen nach.
etwas entschleunigt in mir und die vorstellung, hier an diesem ort für die nächsten wochen
eines lebens gefangen zu sein, macht mich glücklich. diese gefangenschaft ist das geschenk
des alten an den neuen menschen. es ist nichts weiter als die gelegenheit, den kitt zu finden
und zu kleben.

23-02-08
siwa
nachdem ich den masterplan verloren habe, grabe ich nach alternativen. die tiefe der wüste von
siwa schenkt mir die seltene gelegenheit, nach unberührten worten ausschau zu halten. unsere
grabungen spiegeln sich in meinen vorstößen in die eigene tiefe. unsere vergangenheit ist meine
kindheit, unser ehrgeiz ist mein wille, mein zwang zur vollendung dieser ersten, dieser
wichtigsten bauphase am tempel meiner zukunft. ich schweige. oft, viel öfter greife ich nach
bekanntem, ziehe mich zurück auf das lesen, das hören, das sehen. doch mein wunsch, zu
schreiben, zu singen und zu zeigen versiegt nicht in diesem meer der eindrücke und
informationen. ich werde still, ohne die reife, die vollendung des schweigenden zu besitzen.
diese abgebundenen rufe schleifen messer gegen mein selbst.

die sterne über siwa künden eine tiefer liegende wahrheit, als sie in romanen, in
wissenschaftlichen aufsätzen, in geschmetterten freitagsgebeten zum vorschein kommt. ihr
anblick verweigert uns die anmaßung, das beste zu wollen, das beste zu tun. sie ermahnen uns,
nein, sie erfreuen uns mit der unmissverständlichen botschaft ihres alters und ihrer lange vor dem
jetzt verstorbenen und noch immer sichtbaren kraft: was bist du, um das beste wollen und tun zu
wollen? tu das deine. sieh und erkenne, was du bist, und du wirst leuchten wie der hellste von
uns. du wirst, bist du dir deiner aufgabe bewusst, weder zweifeln noch sehnen. du wirst sein,
indem zu stirbst, du wirst leuchten, indem du eins bist mit deinem eigenen ende. das heißt
nicht, dass du dich nach dem tode sehnen sollst, dass du ihn herbeiführen sollst. denn du wirst
jede minute, jede sekunde deines atems dafür brauchen, leuchten zu können, bist du erst
einmal vorbei.
27-02-08
siwa
ein mann, ende dreißig, spiegelt sich in einem nackten hund, der zum rasieren auf ein spinett
gebunden ist. langsam kichert er und schneidet tief, den ganzen linken arm, er schneidet ihn
durch und ab. denn er ist rechtshänder und schneidet und wirft nur mit rechts. der hund will
fassen, als er fliegt, der linke arm, in die pfütze vor dem altar, doch pinkobini ist eine mutter mit
eitrigem rechenschieber, und ihr vater sammelt fersen aus koran.
so viel zum wort. es geht und schiebt sich vorbei, und es lässt sich lesen, statt mich zum
schreiben zu verführen, und ich schreibe am amarnacode, schreibe und setze worte wie
sorgenfalten aufs papier.
18-03-08
siwa
meine sehnsucht nach alexandria ist groß. die vorstellung, schon bald für fast eine woche in
dieser stadt leben zu können, treibt mir das lächeln eines bräutigams zwischen die mundwinkel.
der ausflug nach alex letzte wiche war der auftakt, die gespräche mit den kollegen hier die
aufkeimende melodie und die lektüre von forsters history und pharillon das crescendo. als mein
chef mir den vorschlag unterbreitete,  ostern in alexandria zu verbringen, war ich gewonnen für
jeden weiteren plan.

heute schrieb ich ein gedicht über forsters mohammed el-adl, das mir besser gefällt, als alles,
was ich bisher über das land geschrieben habe:


du hattest glueck, tram conductor.
dein schoenes gesicht, dein arm unter seinem haar
machte dich zu einem reichen mann.
reich an liebe und, viel wichtiger fuer dich,
an seiner sorge um deine financial misery.
mit den jahren wuchs dein hass auf die fremden
herrscher im eigenen land wie deine beduerftigkeit.
die ungerechtigkeit, die sie dir angedeihen liessen,
diese revengable and cruel englishmen, haben die
revolutionaeren, lang nach deinem tod, hinweg gefegt.
jetzt foltert dich deinesgleichen und kein fremder
hilft dir aus der not eines lebens in deinem dir eigenen
land. dein schoenes gesicht, deinen arm widmest du nun
dem kampf fuer deinen gott, auf dass er dich mehr liebe
als dieser englaender, auf dass er dich besser behandle
als dein land, als deine leute. 
21-03-08
alexandria
στην Αλεξάνδρεια. im bus von siwa ein netter junger mann aus tanta, der mich am mauaf bis
zum taxi begleitete. der taxifahrer, mit dem ich über die stadt brabelte, in arabischen und
englischen fetzen, und der mich, als ich zahlen wollte, lächelnd einlud, diese fahrt ginge auf
seine kosten. und dann das hotel, trioumphe mit namen und eine zeitmaschine: gleich schräg
hinter dem cecil gelegen, bewohne ich ein zimmer der jahrhundertwende, mit alten großen
möbeln und feinem parkett und flügeltüren. vom balkon aus sehe ich das meer und das
wunderschöne acropole. wird zeit, dass ich mich aufmache. habe nach dem einchecken gegen
7 bis jetzt, 13 uhr, erst mal geschlafen. doch nun kann ich es kaum noch erwarten, meine stadt
liegt vor mir und uns trennt nichts mehr als mein schritte.
22-03-08
alexandria
mein erster voller tag in alexandria endete mit dem abschied von neuen freunden und dem
versprechen, sich morgen wieder zu sehen. mustafa, der kavafis- und forster-kenner und leiter
eines alexandrinischen schriftstellervereins, ghanim, der forsche literaturkritiker und alberne
komödienschauspieler und ahmed, ya duktûr, der sich für russische klassiker und geschichte
begeistert und sein leben zusammenfasst mit: „medicin ist my wife, but writing is my girlfriend.“
wie so oft hat mich alexandria reich beschenkt, doch diesmal hat sie sich selbst übertroffen.
alles begann mit einer tagung des schriftstellervereins in der schönen weißen villa in der sharia
fouad
, die ich gestern noch als vorgebliche banca di roma bestaunte. ich wurde nicht nur als
spezial guest aufgenommen und in der runde vorgestellt und verabschiedet (es waren an die 25
leute um eine lange, hölzerne tafel herum), sondern bekam auch noch einen eigenen übersetzer
an die seite gestellt, der mir das geschehen rund um die lesungen und die erwiderungen in
echtzeit zusammenfasste, mohamed el abadi, der mich trotz seiner 23 jahre aufgrund von
haltung und gesichtsausdruck sogleich an kavafis erinnerte. im anschluss an die diskussionen
gings ins cafe alola, das mit einer bibliotheksecke ausgestattet ist und außer uns in erster linie
alexandrinische intellektuelle zu beherbergen schien. dort, an diesem tisch, ging es dann heiß
her. in englisch und arabisch bombardierten wir uns mit geschichten aus unseren leben und
gedanken zu den unterschiedlichsten angelegenheiten – miller könnte daraus seiten für ein buch
fabrizieren, ich selbst belasse es bei diesen kurzen feststellungen: die deutschen leben alle wie
maschinen aneinander vorbei, die ägypter sagen alle „wörlid“, wenn sie die englische welt
benennen wollen, und osama bin laden, wallahi, ist ein paravon der amerikaner. daneben lasen
wir uns gedichte vor, studierten die karte der stadt und erörterten fremdenfeindlichkeit und
arabophobia bei anis, lassi und schischa. ich wurde eingeladen und nach hause gebracht, die
fouad, die nabi daniel entlang bis zum saad zagloul. alexandria wurde etwas heimeliges, auf
einmal. und es war nur umso schöner, dass mein „die stadt“ hier in diesem kreis, in diesem
kafenion seine premiere hatte.
23-03-08
alexandria
als 2001 meine mehrmonatigen aufenthalte in ägypten begannen, war ich von der begeisterung,
der freundlichkeit seiner bewohner zutiefst beeindruckt. in schrieb damals, ich würde dieses
land all jenen ans herz legen, die in ihrer heimat unter einem minderwertigkeitgefühl litten, hier in
ägypten würden sie sich durch die reaktionen der ägypter augenblicklich wie könige fühlen. ich
revidiere meine meinung nicht, ich will sie erweitern: jedem europäer, der an akuter oder latenter
einsamkeit leidet, lege ich einen solchen aufenthalt nahe. es scheint mir in anbetracht gerade
der letzen zwei tage wirklich ein leichtes, seine depressionen abzulegen, wenn man sich in die
obhut ägyptischer freunde begibt. vielleicht betrifft es auch nur mich, aber ich muss feststellen,
dass ich mich hier tatsächlich so gut wie zu hause fühle, oder sagen wir es ehrlich: weit besser
als jemals zu hause.

alexandria entwickelt, und ich habe es noch in siwa geahnt, dieses mal einen ganz besonderen
charme: den charme seiner bewohner. nach einem tag, der mit schlafen und essen und internet
erfüllt war, und letzteres ganz luxuriös mit meerblick und wlan über den mac via kaffeehaus
delices, verabredete ich mich mit mustafa vor dem al ahram bookstore ecke fouad und nabi
daniel, also ziemlich genau am antiken alexander-platz. nachdem ich im gewühl der
strassenhändler zwei deutsche bücher über parapsychologie und psychologie entdeckte, fing ein
ganz besonderer abend an. mit mustafa und ghanim fuhr ich zur jesuitenkirche, wo angeblich ein
stück stattfinden sollte. stattdessen gab es, wie zu erwarten, einen ostergottesdienst, der
gerade begann, als wir eintrafen. es war unglaublich schön und ein moment tiefster
alexandrinität, mit zwei muslimen, von denen einer noch nie zuvor in einer kirche gewesen war,
am ostersonntag als ex-protestant in einer katholischen kirche in alexandria zu stehen, den
französischen liedern zu lauschen und die gemeinde beim beten zu beobachten. ich war zu
tränen gerührt, was den beiden nicht entging. ghanim gestand mir später, es sei auch für ihn
ein ganz besonderer moment gewesen.

im anschluss gings mit dem microbus vom hotel haram, in dem ich bei meinen ersten
aufenthalten in alex gewohnt habe, zurück nach menschiah. im kaffeehaus der hiesigen künstler
teil II, dem togaria, diskutierten wir mit der autorin schimaa über ihre pläne, einen
kurzgeschichtenband zu publizieren und ihr stück, das gerade den sprung nach england zu
schaffen scheint. die meiste zeit sprachen die drei arabisch, verfielen dann von zeit zu zeit ins
englische, so dass ich immer wieder up to date war. wir übersetzen uns gedichte und sprachen
auch darüber, gemeinsam an meinem drehbuch für den alexandriafilm zu arbeiten. kurz darauf
entführte ghanim mich in die koscharia auf der ghorfa el togaria, genannt abu kasim. wir
unterhielten uns und malten deutsche, englische und arabische buchstaben und laute in mein
notizbuch.

im anschluss daran ging es zurück ins togaria, wo die runde inzwischen angewachsen war, um
einen military officer aus dem bereich agricultural engeniering, einen agrarstudenten, einen
bänker und einen regisseur und schauspieler, der vor allem mustafa gut zu kennen schien. die
runde wuchs und wuchs, und wir diskutierten über religion, die mormonen, europa und die kunst,
diesmal durchgehend auf englisch, die runde ging sozusagen auf mich. zum schluss sahen wir
ein paar meiner filme (straight bis zur hermannplatzszene, den granadafilm und die stadt) und
diskutierten schnitt, story und musik. ghanim und ein freund brachten mich nach einem
spaziergang die corniche entlang heim in mein hotel, da sie fürchteten, ich könnte vier jungs mit
„bad look in their eyes“ zum opfer fallen, die uns eine zeitlang beobachtetet hatten
26-03-08
kairo
da liege ich wieder. in meinem blue room. den nil entlang der lärm von kairo. auf dem flur: hitze
und staub. in meinem blue room ist für beides kein platz. hier gibt es nur mich, mich ohne
kleidung, ohne sorgen, ohne gedanken, mich und die leichte brise, die durch dieses stück
griechenland weht. ich schwärmer in meinem schwärmerstübchen. gleich kommt nicole. dann,
erst dann beginnt der wahnsinn kairos wieder wirklichkeit zu werden.
02-05-08
zürich
in was für einer welt leben wir eigentlich? welcher hass treibt uns, welche verzweiflung treibt uns
dazu, uns gegenseitig zu verleumden und zu morden? rote fäden fließen die steinernen löwen am
rathaus herab, zerschneiden, verzieren sie wie masken des terrors. es ist der tag der arbeit
gewesen, und nicht einmal hier, in der heilen heidiwelt, in der schönen stadt am fluss und am
see, macht die gewalt halt. es ist eine gewalt, die sich des unrechts bedient, obwohl sie recht
hat. obwohl sie wütend ist über etwas, was alle wütend macht, doch es ist nicht die verzweifelte
wut der jedermänner, es ist die törichte wut derer, die aller wirklichkeit zum trotz noch versuchen,
uns in frage zu stellen. wir leben längst in einer diktatur der antworten. es ist still geworden um
uns, denn wir haben unsere stimme verloren. sie ist uns abhanden gekommen, en passant, nicht
weil wir uns heiser schrieen, sondern weil wir sie nicht mehr gebrauchten, nicht mehr gebrauchen
konnten, irgendwann.

jerusalem is proud to present... da treffen sich juden, muslime und christen, endlich endlich
halten sie sich bei den händen, sitzen sie vereint vor einem mikrophon, die welt lauscht, die welt
ist gebannt, die welt reibt sich die augen wegen dieses bilds, und dann hören wir, was sie zu
sagen haben, und es ist hass und ausgrenzung und unverständnis, es ist, was sie teufel oder
schaitan nennen, die abwesenheit von liebe. für einen augenblick, für ein bild, für ein foto, das
nicht dagewesen, unsere netzhaut in ekstase versetzt, sind wir ihnen auf den leim gegangen und
haben geglaubt, sie hätte vernunft angenommen. sie hätten dazugelernt. stattdessen setzen sie,
seite an seite, fort, was sie stets tun, und was sie traditionell am besten können: kämpfen
gegen. wir haben ihnen den geifer nicht angesehen, weil sie sich zugelächelt haben statt zu
schreien. wir haben ihre glänzenden augen für einen anfang gehalten. wir haben nach
zweitausend jahren erfahrung erfahrung erwartet und stattdessen zweitausend jahre alte herren
gesehen.

ich werde nicht aufhören, zu glauben. ich werde nicht aufhören, zu schreien. ich werde nicht
aufhören, zu leiden und zu lachen und zu fordern und zu stürzen. ich werde scheitern, wie sie
alle, aber in diesem scheitern wird ein sieg stecken, der alle depressionen verrät. ich werde mir
widersprechen wie ihnen und ich werde mich in frage stellen wie sie. täglich und täglich und
täglich. und ich werde an flüssen sitzen und in blut, und es wird mich niemals kalt lassen, dass
sie so vieles gar nicht erreicht. und ich werde fragen und antworten hervorkehren ohne rücksicht
darauf, dass sie nicht gehört werden wollen, dass sie niemand haben will. dass das, was uns
alle eint, ein bisschen glück, ein bisschen geld, ein bisschen gesundheit ist, und nicht die
großen fragen. und dass die großen fragen uns keine antworten bescheren, auch wenn das
schweigen inzwischen fraglos das größere übel geworden ist.

cafe am limmatquai... kleine grüne männern tragen gläser und aschenbecher von tisch zu tisch.
man lächelt. man sieht gut aus. man fängt blicke ab, die für einen anderen bestimmt sind und
doch so gut schmecken, als wären es die eigenen. man liest und betrachtet, man schwitzt.
man raucht und nickt, man spricht über yoga und bewusstsein für den eigenen körper, und dass
man trotzdem zu viel alkohol trinkt und zu spät schlafen geht. und man wird nicht bedient,
manchmal wird man auch nicht bedient. weil man zu nett ist oder zu unscheinbar, oder weil man
zu gut dazu passt.

ich habe die nacht verküsst. ist habe auf eben dieser couch am fluss in lippen gegraben, in
taschen, in falten, in wimpern, und ich habe sie zu den meinen gemacht. da waren wir, nach
filmen, nach sorgen, nach diskussionen wieder eins. da waren wir wieder das, worum es uns
geht, in filmen, in sorgen, in diskussionen. und wir kannten uns nicht und wussten doch mehr
über uns als wir ahnten. und wir ahnten, dass wir sie alle küssten, unsere verflossenen, unsere
gehassten, unsere unerfüllten lieben. und wir rissen uns tore und mauern aus dem leib und wir
griffen uns bei den versprechen und den wünschen einer wild gewordenen welt. wir stürzten uns
ineinander, als ginge es um einen letzten, einen größten, einen trotzigen akt, und es ging um
nichts weniger als das. ich schmeckte meine lippen mit deiner zunge und du fühltest deinen hals
mit meinen händen. meine augen machten dich sprachlos, und ich tropfte in bissen herab.
in was für einer welt leben wir eigentlich? um diese frage und um nicht viel mehr dreht sich das
ganze spiel. ich setze mich in die sonne, bleibe hier und werde mich hüten, eine antwort zu
finden.
22-12-09
münchen
wir sind reisende ohne heimat. wenn wir reisen, laufen wir und suchen. wir lassen uns nicht von
zielen beirren. wir wissen um die aussichtslosgkeit, die uns erwartet, wenn wir in die verlegenheit
kämen, anzukommen. es sind die bahnhöfe und mcdonalds dieser welt, die uns noch halten. es
sind die plätze, die wir meiden, die auf uns warten. wenn wir nachts durch die verschneite
altstadt irren. wenn wir keine freunde haben oder keine, die nicht schlafen. es ist schlafzeit,
wenn wir reisen. eine fliege hält uns wach, sie umkreist uns, und immer, wenn wir einnicken,
setzt sie sich auf unser ohr, unsere nase, unseren hals. wir können sie scheuchen, so lange
wir wollen. irgendwann werden wir akzeptieren, dass sie unsere nähe sucht, und wir werden sie
nicht mehr bemerken. wenn wir unseren kaffee gemeinsam mit den straßenkehrern getrunken
haben, wenn wir neben den anderen, die frieren im dezember, unsere nächte verbracht haben,
reisen wir weiter. wir spüren den schnee nicht mehr, der unsere mäntel, unsere taschen, unsere
hüte geschmeidig macht, bis sie tropfen. wir sehen sie kaum, die beine, die immer mehr werden,
umso eiliger sie es haben, zu ihren plätzen zu kommen, die sie heimat nennen, obwohl es büros
sind. wenn wir durch das tor der stadt kommen, laufen wir an dem mann mit der schachtel
vorbei. vielleicht halten wir. vielleicht bereuen wir es, nicht gehalten zu haben und laufen dennoch
weiter. vielleicht sieht er uns nach. vielleicht erkennt er uns noch, vielleicht hat er ein herz für
uns und flucht. wir haben angst, wir reisende, angst davor, bei ihm zu sein, er zu sein, ihn zu
kennen. sie treibt uns voran, auch wenn wir langsamer sind als die raschen beine ins büro. auch
wenn wir von jahr zu jahr an geschwindigkeit verlieren, weil wir uns daran gewöhnen, nicht mehr
so unglücklich zu sein wie in der heimat, die sie büros nennen.
17-04-10
berlin
Angenommen, man gehörte zum hysterischen Teil der Bevölkerung, der offen für jede nur
erdenkliche Weltverschwörungs- oder Weltuntergangsphantasie ist: man könnte schmunzeln
angesichts der Wolke aus Asche, die derzeit, von Island kommend, den gesamten europäischen
Flugverkehr lahm zu legen droht. Das immobile Europa beginnt uns schmerzhaft an die Zeiten
vor der Globalisierung zu erinnern, und wir spüren: dahin wollen wir nicht zurück. Wir wollen
weiter Global Players sein, nicht nur am Bildschirm, sondern auch körperlich. Plötzlich erscheint
etwas, das ganz selbstverständlich geworden ist, wie ein kostbares Geschenk, das man uns
weggenommen hat. Die Asche, die unsere Triebwerke bedeckt, öffnet unsere Augen. Ein Zufall,
dass die Propheten jenes eingangs zitierten Bevölkerungsteils sich nun bestätigt fühlen werden
in ihrer Meinung, 2010 werde ein turbulentes, ja ein einschneidendes Jahr? Zwei Jahre vor dem
Weltuntergang der Mayas 2012 warnen Astrologen wie Hellseher vor den Auswirkungen einer
stellaren Konstellation, die sie "Kardinale Klimax" oder "Großes Kreuz" nennen und die, ihren
Aussagen nach, tatsächlich ein großes Kreuz für die Menschheit zu werden droht: die Planeten
Saturn, Uranus und Pluto, die alle in einer 90-Grad-Spannung zu den Sternbildern Steinbock,
Waage und Widder stehen werden, seien Schuld an oder Hinweis auf eine Zeit, die von
Katastrophen, Verlusten, aber auch vom Zusammenbruch alter Strukturen und Widerstand
geprägt sei. Winfried Noe, einer der prominentesten Astrologen Deutschlands, prophezeit
übrigens aufgrund langsamer Planetenlaufzeiten eine lange Dauer dieser kosmischen
Turbulenzen. Weisheit der Sterne oder himmelschreiender Blödsinn? Fremde Länder, fremde
Sitten. Was in Deutschland befremdlich klingt, wird von der Sprecherin der isländischen
Luftfahrtbehörde, Hjördis Gudmundsdóttir, wie selbstverständlich bei der Beantwortung der Frage
nach der Dauer der Probleme vorausgesetzt: „Das wissen nur die Wettergötter. Es kann ein
paar Tage dauern, aber auch ein paar Jahre."